25 Jahre „Tolle Hefte“ – Interview mit Rotraut Susanne Berner

Bei den „tollen Heften“ knallen die Sektkorken: 25 Jahre gibt es diese so liebevoll gestalteten kleinen Kunstwerke in diesem Jahr bereits! Ich habe das neueste Exemplar durchgeblättert und außerdem mit Rotraut Suanne Berner, der Herausgeberin, gesprochen.

Max & Moritz, Hänsel & Gretel, Leib & Seele oder Kraut & Rüben: Unsere Welt besteht aus etlichen Paaren – menschlich oder sprachlich – die ohne die andere Hälfte einfach nicht funktionieren. Was wäre Eva ohne Adam, Mr. Hyde ohne Jekyll und Clyde ohne Bonnie? Eben. Nadia Budde hat im „tollen Heft“ Numero 45 all diese Doppelpacks gesammelt und auf eine eigenwillig charmante Weise illustriert. Hat das bekannte Märchen in „Der Schöne & das Biest“ umbenannt und der Gruselgeschichte von Robert Louis Stevenson kurzerhand zwei Damen in der Hauptrolle verpasst: Die Doppelgänger heißen jetzt Dr. Jacky und Mrs Heide. Und würden nicht auch Romeo & Hinz und Julia & Kunz interessante Paare abgeben?

Seit 1991 verbinden die Tollen Hefte Erzählungen – sowohl aus der Weltliteratur als auch von gegenwärtigen AutorInnen – mit charmanten Illustrationen, jedes Heft ist durch seinen besonderen Druck ein Unikat. Wie die Idee zu dieser Serie entstanden ist und wie Rotraut Susanne Berner die Herausgeberschaft meistert, das habe ich sie gefragt:


Kürzlich erschien mit „Durch & Durch“ von Nadia Budde das 45. „Tolle Heft“ – und läutete gleichzeitig den 25. Geburtstag der Reihe ein. Herzlichen Glückwunsch! Wie entstand denn damals eigentlich die Idee für diese Reihe?

Das ist eine lange Geschichte, die viel mit der Biographie von Armin Abmeier zu tun hat, der die Reihe erfunden und herausgegeben hat: er hat schon als Kind mit seinem kleinen Taschengeld vor allem Hefte gekauft und gesammelt. Später, als er dann mit Kunst und Literatur in Berührung kam, hatte er durch persönliche Kontakte und Kenntnisse die Möglichkeit, diese Liebe zu der „kleinen Buchform“ konkret und drucktechnisch umzusetzen. Die ersten 16 Hefte sind im MaroVerlag in Augsburg erschienen und wurden auch dort gedruckt. Jetzt erscheinen die Hefte in der Frankfurter Büchergilde Gutenberg und in der edition Büchergilde im freien Buchhandel. Der Name übrigens ist inspiriert von der Reihe „Die Tollen Bücher“, die in den 20er-Jahren im Elena Gottschalk Verlag herausgegeben wurden.

Sie waren mit Armin Abmeier, der die Tollen Hefte von 1991 bis zu seinem Tod 2012 herausgegeben hat, verheiratet und somit sicherlich sehr gut mit der Herstellung vertraut. Was bedeutet es für sie, die Herausgeberschaft übernommen zu haben?
Da ich die Reihe von Anfang an mitbetreut habe, vor allem in die Herstellung, aber auch inhaltlich, war es naheliegend, die Herausgeberschaft zu übernehmen – zumal Armin Abmeier sich das sehr gewünscht hat. Insofern fühle ich mich verpflichtet, aber mir selbst ist es auch eine Herzensangelegenheit, denn wie ich jetzt wieder im Zusammenhang mit Jubliäum und der großen Ausstellung in Bologna feststelle, gehen Bekanntheitsgrad und Anerkennung für diese so besondere Heftreihe weit über die deutschen Grenzen hinaus. Das lässt sich vor allem auch mit Armins großer Liebe und Leidenschaft für Literatur und Illustration erklären, aber auch mit seiner sehr persönlichen Art, mit der er Künstler und Autoren gewonnen hat und für die Hefte geworben hat. Diese Ausstellung ist vor allem eine Hommage an ihn und es ist wirklich traurig, dass er dieses Jubiläum nicht mehr erleben kann.

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Illustriert wurden in den vergangenen Jahren bereits Erzählungen von Katherine Mansfield, Gottfried Benn oder Charles Bukowski: Wie wählen Sie eigentlich die AutorInnen aus und die dazu passenden IllustratorInnen aus?
Da gibt es keine Regeln: einige Autoren kamen und kommen durch persönlichen Kontakt, wie zum Beispiel T.C. Boyle, Brigitte Kronauer oder L.A. Kennedy. Bukowski z.B. war eine alte Liebe von Armin und er hat eine Kurzgeschichte gefunden, die in den Tollen Heften als deutscher Erstdruck erschienen sind. Manche Texte kommen durch die Künstler ins Programm, wie zum Beispiel „Ada“ von Gertrude Stein, vorgeschlagen von ATAK, der daraus eines der spektakulärsten Hefte gemacht hat. Viele Künstler erzählen auch eigene Geschichten, wie jetzt gerade wieder Nadia Budde im letzten Heft, Nicolas Robel in „TopoLimbo“, Hans Traxler mit seinem herrlichen „Sturmtief überm Freibad Hausen“, oder Hennning Wagenbreth mit „Honky Zombie Tonk“. Sophia Martineck hat „Die Fliege“ von Katherine Mansfield vorgeschlagen, genauso wie Katja Spitzer „Die seltsame Orchidee“ von H.G. Wells. Wenn ich selbst eine literarische Vorlage entdecke, dann fällt mir meistens relativ schnell ein Künstler dafür ein, dazu muss man natürlich gut vernetzt sein. Armin war das auf andere Art als ich – da ich ja selber Illustratorin bin, gehe ich da sicher anders vor. Er war sehr viel unbefangener, hat sich überall auf der Welt umgesehen und war ständig unterwegs auf Messen, Ausstellungen und Comic-Festivals. Ich operiere eher vom Schreibtisch aus.

© Manu Theobald

Rotraut Susanne Berner
© Manu Theobald

Die Tollen Hefte sind kleine, in sich geschlossene Kunstwerke, die man sich am liebsten einrahmen würde. Wie wird so ein Heft produziert?
Die Hefte sind, auch wenn sie sehr individuell daherkommen, strengen Regeln unterworfen. Jedes Heft hat 32 Seiten, ist fadengeheftet, hat einen Schutzumschlag und immer eine schöne Beilage. Das Entscheidende aber ist eine spezielle Technik in der Druckvorbereitung. Zwar werden die Hefte im normalen Offsetdruck hergestellt, aber es gibt keine Originale als Vorlage. Genau genommen handelt sich eigentlich um Seriegraphien und jedes Heft ist so gesehen ein Original. Die Farben werden nicht im Rasterverfahren getrennt, sondern „manuell“, auch wenn dieser Prozess heutzutage von vielen am Rechner gemacht wird. Und wir drucken die Hefte immer mit Sonderfarben, die jeder Künstler individuell bestimmt und schon daraus ergeben sich völlig andere Effekte als bei einem gewöhnlichen Offsetdruck. Als Besonderheit gibt es außerdem auch immer noch eine Vorzugsausgabe mit einer Extra-Graphik, die nummeriert und signiert wird, und es wird nicht nachgedruckt. Die Hefte sind mit ihrer ersten Auflage oft schnell vergriffen.

Jetzt ist bereits ein Vierteljahrhundert vergangen, seit das erste Tolle Heft in Druck gegangen ist – was wünschen Sie sich für die Zukunft der Reihe?
Da mir die Illustration als besondere Kunst sehr am Herzen liegt, wünsche ich mir, dass es die Hefte noch lange geben wird. Schon deshalb, weil es wenig Möglichkeiten für Künstler gibt, sich frei von Marktzwängen zu entfalten. Bei den Heften gibt es das Prinzip der „langen Leine“ – bisher hat sich das sehr bewährt. Unter dem Dach der Tollen Hefte finden sich bereits drei Künstlergenerationen die alle irgendwie miteinander verbunden sind – das ist schön und fast so etwas wie eine Familie.

Vielen Dank für das Interview!

Nadia Budde: Durch & Durch. Band 45. Edition Büchergilde. Mit Original-Flachdruckgrafiken und einer Beilage, Fadenknotenheftung mit Schutzumschlag, limitierte Auflage, 32 Seiten. 16,95€.
Mehr zu den Tollen Heften gibt es hier und hier.

Weitere Tolle Hefte bei „Fräulein Julia“:
„Der Kunstraub von Rotterdamm“
„Topo Limbo“

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