Ada Dorian und die betrunkenen Bäume

bäume

Im Sommer 2016 wurde die aus Osnabrück stammdene Ada Dorian zum Bachmann-Preis eingeladen – obwohl sie noch kein einziges Buch veröffentlicht hatte. Das ist nun zum Glück passé: Ende Februar erscheint ihr Erstlingswerk „Betrunkene Bäume“ in der neuen Reihe „Ullstein fünf“ – eine sanfte, präzise Erzählung von Lebenszielen, Erinnerungen und Schuldgefühlen.

Erich ist in eindeutig fortgeschrittenem Alter, ohne Brille auf der Nase geht wenig und die Beine machen auch nicht mehr so mit wie früher. Trotzdem weigert sich der alte Mann strikt, aus seiner Berliner Altbauwohnung im 5. Stock in eine Erdgeschosswohnung zu ziehen – und schon gar nicht in ein Pflegeheim!

Auch wenn er seinen Alltag offenbar nur noch schwer alleine bewältigt bekommt und seine Tochter Irina im täglich in den Ohren liegt, bleibt Erich stur. Denn er hat eine Aufgabe: Täglich gibt er telefonisch seine gesammelten Daten über minimale Temperaturschwankungen an einen Professor in Sibirien weiter. Und er hat ein Geheimnis: In seinem Schlafzimmer züchtet er seit vielen Jahren Bäume. Keine kleinen Topfpflanzen, die sich mit der Zeit an der Decke und den Wänden entlangschlängeln, nein: Neben seinem Bett wächst nichts weniger als ein Ahorn!

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„Erich schloss die Augen und lauschte für einige Sekunden dem leisen Knistern, das die Äste an der Tapete erzeugten. Er schlug die Augen wieder auf und überlegte, wie lange der Ahorn schon im Zimmer stand. Es war einer der ersten Zöglinge gewesen, von denen er sich nicht hatte trennen wollen. Nun reichte der Stamm bis zur Decke und sorgte dafür, dass die Krone nicht ihre natürlich runde Form annehmen konnte, sondern sich fächerförmig unter der Decke ausbreitete. […] Niemand sollte ihm seinen Wald nehmen. Es war alles, was er noch hatte.“
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Zwischen seinen kleinen und größeren Zöglingen fühlt sich Erich wie unter Freunden, am liebsten ist er mit ihnen allein. Ein Gefühl, welches aus seiner Zeit in der Taiga zurückgeht, in die er vor etlichen Jahren längere Zeit verbrachte, um Bodenproben zu nehmen, Blätter und Blüten zu sammeln und zu katalogisieren. Über das, was in dieser Zeit noch geschah, redet er bis heute nicht und züchtet sein schlechtes Gewissen ebenso gut wie seine Topfpflanzen.

Jugendlicher Leichtsinn trifft Altersstarrsinn

Bis er Katharina kennenlernt: Ein freches Teenagermädchen, das von zuhause ausgerissen ist, aus Protest gegen die Trennung ihrer Eltern und den Weggang des Vaters nach Sibirien. Mithilfe einer zwielichtigen Gestalt kann sie in die leerstehende Bruchbodenwohnung neben Erich einziehen – und dann dauert es nur kurze Zeit, bis sich die beiden kennenlernen, anfreunden und Erich sie als Haushaltshilfe einstellt. Doch dass sie ihr vorwitziges Näschen in seine Geheimnisse zu stecken versucht, gefällt ihm gar nicht…

Ich bin immer wieder fasziniert, wenn AutorInnen es schaffen, eine Geschichte mit ebenso viel Ruhe wie Sprengkraft zu erzählen: Bei Ada Dorian wurde jeder Satz bis zur Perfektion ausgefeilt, mit Bedeutung gefüllt, mit Symbolen aufgeladen. Sie ließ sich einige Jahre Zeit mit dem Schreiben des Romans; Zeit um die Idee hinter der Geschichte reifen zu lassen und sich mit der Frage zu beschäftigen: Was muss passieren, damit Menschen einsam werden?

Genau wie die „betrunkenen Bäume“ – Bäume, die durch die globale Erwärmung im tauenden Permafrostboden ihren Halt verlieren und in Schieflage geraten, als hätten sie zuviel Sekt intus  – ähneln ihre Hauptfiguren einem Gewächs: Erich, dessen tief gewachsene Wurzeln ihn so an sein eigenbrötlerisches Leben ketten, dass der drohende Umzug in ein Pflegeheim ihm panische Angst macht. Ebenso Katharina – jung, verletzt und ohne Lebensziele – deren Wurzeln gerade gewaltsam aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen wurden und die im Wirbelsturm des Lebens fast davon geweht wird.

Mehrere Erzählebenen – die jugendliche Revolte Katharinas, die Altersstarsinnigkeit Erichs, die Expedition in die Taiga und sogar die Gedankengänge von Wolodja, der Erich durch die Wälder führt und zu einer für ihn folgenschweren Begegnung verhilft – sind in dieser Geschichte bis in die letzte Faser gekonnt miteinander verknüpft.

Man folgt der Geschichte mühelos, während man in der Vorstellung mit einer Tasse dünnem Tee zwischen unzähligen Topfpflanzen auf dem zerschlissenen Samtsofa von Erich sitzt; der Ahorn im Schlafzimmer raschelt sachte im Wind, die Dielen knarzen und Erich sucht mal wieder seine Brille. Und eigentlich möchte man diese Szenerie überhaupt nicht mehr verlassen.

Ada Dorian
Betrunkene Bäume
Ullstein Verlag, 2017
Hardcover, 272 Seiten, 18€
ISBN 9783961010011

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1 Kommentare

  1. Hallo Julia,

    auf dieses Buch habe ich schon seit einer Weile ein Auge geworfen. Deine Rezension klingt echt gut und macht neugierig auf das Buch.

    Liebe Grüße aus Köln,
    Julia

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