Beeindruckendes Romandebüt: „Schwimmen“ von Sina Pousset

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Erinnerung, Schmerz, Schuld und Neuanfang: Sina Poussets Romandebüt „Schwimmen“ handelt von zwei Frauen auf der Suche nach einer Erklärung.

Es ist ein mehr oder weniger ganz normaler Tag in der Großstadt, Emma ist in der Kita verstaut und der Chef liegt ihr mit Forderungen im Nacken – als Milla plötzlich in der Jackentasche einen handgeschriebenen Zettel von Jan findet. Und diverse Wunden in Sekundenschnelle aufreißen, aufbrechen, den Schmerz herausquillen lassen: Denn Jan ist tot.

„Es ist sein alter Mantel, den Milla heute trägt, das erste Mal seit vielen Jahren. Es sticht, und Milla wird schlecht. Sie liest Jans schiefe Worte auf dem Papier mit ein paar Rissen, bevor der Montagmorgen vor ihren Augen verschwimmt.“

Milla und Jan, Jan und Milla: So war das schon, seit Jan in der Grundschule neben sie gesetzt wurde. Gemeinsam fuhren sie als Kinder zu Millas Großmutter in das urige Haus in Frankreich, unweit des rauschenden Meeres, sagten sich gegenseitig ihre Zukunftspläne auf, holten sich Sonnenbrand, waren unzertrennlich. Etliche Sommer später sind Jan und Milla wieder im Haus der mittlerweile verstorbenen „Nonna“ – doch mit dabei ist diesmal auch Kristina, die neue Freundin von Jan, die für eine knisternde Dreieckssituation sucht. Am Ende der wenigen Tage lebt Jan nicht mehr. Waren sie schuld, hätten sie es verhindern können?

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Eine Erklärung wird sich nach all den Jahren nicht finden lassen, aber eine Veränderung der Situation muss sein, befindet Milla: Und fährt aufs Land, um Kristina abzuholen. Kristina, die nach dessen plötzlichem Tod ihren Schmerz in der Psychiatrie zu heilen versuchte und sich noch immer dort versteckt. Gemeinsam fahren die beiden mit Tochter Ella noch einmal in das Haus, um die traumatischen Bilder durch neue zu ersetzen und ihrem Leben einen gemeinsamen Neuanfang zu geben…

Wie drückt man den Schmerz über den plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen in Worte aus, die nicht pathetisch oder blechern klingen? Sina Pousset schafft es, mit glasklaren Worten, das Unfassbare auszudrücken:

„Weißt du, was dir keiner sagt, wenn jemand stirbt? Es wird nicht besser. Du gewöhnst dich nicht daran, dass jemand tot ist. Du gewöhnst dich nur daran, wie sehr dir jemand fehlen kann.“

Das Schweigen, die Ratlosigkeit, die Wut und Verzweiflung, die im Inneren der beiden Frauen Milla und Kristina schwelt und keinen Ausgang findet, sich bei der einen in stures Weitermachen und bei der anderen in abgemagerte Verweigerung der Außenwelt manifestiert – Sina Pousset trägt es in ihre Zeilen, als wäre es selbstverständlich, dass man als 1989 geborene Autorin bereits so tief in das Dunkel der Seelen geschaut hat.

Ihr eindringlicher Sprachstil changiert zwischen beklemmend und kraftvoll, wird aber gelegentlich von einem stilistischen Mittel durchbrochen, welches im Lesefluss unangenehm aufstößt: „Milla trägt mit Jan Möbel auf den Flur, vor ein paar Monaten“, heißt es da, oder „vorhin schreibt Milla eine SMS an ihren Chef“ und „Früher sind sie oft hier“. Diese Mischung aus Präteritum und Präsens wirkt ungelenk und unschön, kann aber den Gesamteindruck eines beeindruckenden Debüts im Nachhinein zum Glück doch nicht trüben.

Sina Pousset
Schwimmen
ullstein fünf, Ullstein Verlag, 2017
Hardcover, 224 Seiten, 18,-€
ISBN-13 9783961010073
Erscheint am 8. September

Foto: Greg Becker

5 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    das liest sich sehr gut! Und dass die Autorin dann auch noch so jung ist – wow! Danke für den Tipp!
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende Dir,
    Frauke

  2. Das Buch steht auch schon auf meiner Wunschliste und nach deiner tollen Rezension, möchte ich es gleich noch viel dringender Lesen. Man spürt aus deinem Text wirklich deine Begeisterung für das Buch heraus und du hast meine Neugier auf dieses Debüt noch einmal gesteigert.
    Danke für diese schöne Buchbesprechung.
    Liebe Grüße, Julia

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