Beklemmend aktuell: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

Hitler

„Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels dreht sich um den Aufstieg der Neonazis nach dem Fall der Mauer – und ist heute erschreckend aktuell.

Mimi wächst in einem kleinen Dorf in Brandenburg auf. Die Mauer steht noch und das Leben auf dem Land ist spartanisch. Es wird geschlachtet und gesoffen, was das Zeug hält. Mit dem Nachbarsjungen Oliver klaut sie aus der Vorratskammer seiner Mutter Schnapspralinen die sie essen, bis sie beschwipst sind. Als Tochter einer Staatskunde-Lehrerin fährt sie in Wilhelm-Pieck-Pionierlager am Werbellinsee und nimmt am Fackelzug zum 40. Jahrestag der DDR in Berlin teil, ohne von beidem großartig überzeugt zu sein. Alles wirkt urig, etwas verschroben und doch beschaulich. Dann „fällt die Mauer“.

„Wie Schimmelpilz in den Kellerritzen hatte sich die Wut erst im Haus, dann auf der Straße verbreitet und beherrschte schließlich die ganze Stadt. […] Unbemerkt hatte die Wut jahrelang unterm Pflaster gehockt, unter maroden Dielen, in der Kanalisation, auf den Dachböden und hinter verblichenen Fotografien.“

Zuerst ist diese Wut nur ein unbestimmtes Gefühl, doch dann wird die Bedrohung immer spürbarer und sichtbarer: Etliche Jugendliche aus dem eigenen und umliegenden Dörfern tragen auf einmal grüne Bomberjacken und Springerstiefel, rasieren sich Glatzen und frönen ihrer puren Lust an der Zerstörung. Fallen in Discos ein und prügeln wahllos Menschen nieder, die sie als „Zecken“ beschimpfen – weil sie anders sind. Der Fremdenhass steigt, Asylbewerberheime brennen, die Bevölkerung schaut weg. Zu viel Angst. Der Nachbarsjunge Oliver nennt sich nun „Hitler“ und führt eine ganze Bande brutaler Schläger an.

hitler

„Draußen am Heim hamse jezündelt.“
„Die sind sich aber selbst nicht grün. Vorm Haus Vaterland gab’s eine Klopperei: Die mit den grünen Jacken gegen die in Schwarz.“
„Ja, Skins gegen Nazis.“
„Ach wat!“
„Quatsch, dit sind allet Nazis. Is wie früher mit SA und SS…“

Auch Mimi und ihre Freunde geraten immer wieder ins Visier der Neonazis, müssen auf der Flucht vor ihnen so manche Verletzung davon tragen und Freunde einbüßen. Wie konnte es so weit kommen? Und wie kann man dem ganzen ein Ende setzen? Warum sind alle nun so begierig auf Westgeld und neue Wahlen, wo ist das Land hin, in dem sie aufgewachsen sind? Um sich zu schützen, legt auch Mimi sich ein Outfit zu, das wie ein Panzer wirkt und sie vor dem schlimmsten bewahrt. Doch andere trifft es schlimmer…

Frustration und Fremdenhass

„Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist ein so vielfältiges Buch, was man ihm von außen gar nicht ansieht. Es beschreibt zunächst die Atmosphäre der Stagnation, aber auch der Heimeligkeit in der vertrauten Dorfatmosphäre zu Ost-Zeiten, in der jeder wusste, wo er hingehört. Doch der humorvolle Ton, der zunächst die leichte Ostalgie begleitet, wendet sich jäh: Die „Wende“ hinterlässt nicht nur eine ältere Generation, die plötzlich ihre Arbeit und ihre Aufgabe verloren hat, sondern auch eine nachwachsende Generation, die vor lauter Perspektivlosigkeit keine andere Möglichkeit hat, als sich mit Alkohol zu betäuben. Sie macht Platz für eine Generation der Frustrierten, die aus Wut über die Ereignisse, Arbeitslosigkeit und vor allem das „Fremde“, das „Anders sein“ maßlos und sinnlos um sich schlägt – und es dadurch nicht besser macht.

Vielleicht hat Manja Präkels mit ihrem Buch eine Erklärung geliefert, warum erst kürzlich bei den Wahlen erschreckend viele Menschen aus dem ehemaligen Osten ihr Kreuzchen bei den laut schreienden Rechten gemacht haben (ganz zu schweigen von den vielen Stimmen aus dem „Westen“, ich möchte das hier nicht an ehemaligen Ländergrenzen festmachen!); vielleicht bietet ihre Geschichte einen Ansatz, diese bedrohliche Entwicklung zu verstehen und darüber nachzudenken, woher dieser noch immer anhaltende Frust kommt. Wie muss es sich angefühlt haben, von jetzt auf gleich in einem anderen Land zu leben, mit neuen Strukturen und Anforderungen?

Ob man mit Rechten reden kann, wie es jetzt immer wieder gefordert wird, bleibt fraglich (ich persönlich halte es für schwer machbar) – dass man dieses Buch lesen sollte, ist dagegen glasklar!

Manja Präkels
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Verbrecher Verlag, 2017
Hardcover, 232 Seiten, 20,-€
ISBN: 9783957322722

Foto: David Sedrakyan

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