Berlin Art Week: Die art berlin überzeugt mit neuem Anstrich

Albrecht Schnieder / Galerie Thomas Schulte

Es weht ein frischer Wind durch die Berliner Kunstszene: Die Art Cologne hat der abc – art berlin contemporary unter die Arme gegriffen – herausgekommen ist die empfehlenswerte art berlin!

Als Anfang 2011 bekannt wurde, dass das weithin bekannte „art forum“ – DIE Berliner Messe für zeitgenössische Kunst, die seit 1996 jährlich ausgetragen wurde – im kommenden Jahr nicht mehr stattfinden würde, war die Überraschung groß. Wie sollten sich nun die ganzen Galerien, von denen es in Berlin unzählige mehr als Sammler und Käufer gibt, gemeinsam zeigen?

Die frei gewordene Stelle wurde von der neu gegründeten abc – art berlin contemporary besetzt, die eigentlich mit dem art forum fusionieren wollte, es dann aber aufgrund interner Querelen doch nicht tat. Man zog ins Station ans Gleisdreieck und propagierte unter dem Titel „about painting“ ein neuartiges Konzept, das zwischen Verkaufsmesse und Ausstellung pendelte und sich ausschließlich um Positionen der Malerei drehte.

art berlin

Oben: Camilla Steinman bei Soy Capitán / unten: Galerie Sabine Knust / Azade Köker, Zilberman Gallery

Sechs Jahre später ist wieder alles anders. In den vergangenen Ausgaben war die abc teilweise verwässert und überladen (2014 allerdings konnte sie mich überzeugen), sie wirkte unstrukturiert. Für 2017 haben sich die Organisatoren nun mit der ART Cologne zusammengetan – also quasi dem Mutterschiff aller Kunstmessen – und sich damit sehr wertvolle Unterstützung ins Boot geholt, die sofort angenehm auffällt.

Zwei große und eine kleine Halle im Station am Gleisdreieck werden in diesem Jahr – im Rahmen der prallvollen Berlin Art Week – bespielt von 112 Galerien aus 16 Ländern. Die Kojen sind wieder angenehm übersichtlich strukturiert und ziehen den Besucher nach jeder Ecke in eine neue, kleine Kunstwelt, in der man viele bekannte Namen und einige vielversprechende neue entdeckt.

Für die Galerie Sprüth Magers hat John Bock gleich die ganze Koje in eine begehbare Installtion verwandelt, die wie so oft im Bock’schen Werk banale Alltagsgegenstände zu einem bunten Kompositum zusammengesetzt sind – hier sind es u.a. eine Schrankwand aus Birkenimitat, Eierschalen, Klebeband, ausgestopfte Socken und Wattebäusche. Auch Mark Dion, vertreten von der Galerie Nagel Draxler, zeigt neben Zeichnungen eine Installation: Hinter dem Vorhang zu „Terror of Transylvania. Living Fossil from the deep forest“ steht ein menschengroßes Tierskelett auf einem kleinen Podest, das Ganze erinnert an Kuriositätenschauen im Zirkus der Jahrhundertwende.

art berlin

li: John Bock / re: Mark Dion

Nach wie vor ist Malerei eines der beliebtesten Medien auf dieser Kunstmesse, dicht gefolgt von Arbeiten aus Ton und Keramik, textilen Arbeiten (Camilla Steinman bei Soy Capitán sticht hier positiv heraus) und größeren Installationen. Auch Fotografien – meistens aus dem „alten“ Berlin, z.B. von Mirko Zwonir bei Bene Taschen –  und vereinzelte Video-Arbeiten sind in den Kojen verstreut.

Und dann ist da noch die konzeptuelle Arbeit von Michael Müller. Gemeinsam mit dem Designer Vladimir Karaleev entstand der „Garten der Freundschaft“: In einer Glasvitrine liegt eine Reihe eigentümlich geformter Parfum-Flakons aus Ton, Cremetuben und eine in Deckfarben gehaltene Modekollektion befinden sich ebenfalls am Stand der Galerie Thomas Schütte. Ich frage nach und erfahre, dass die Flakons aus dem Handabdruck des Künstlers entstanden sind, ebenso wie das Parfum einen Tropfen Schweiß Müllers so wie etwas Aceton enthält. Wer sich die „Undernail creme“ kauft, kann sich schwarze Ränder unter die Fingernägel zaubern, als käme er gerade nach einer Malstunde aus dem Atelier. Indem man Flakon und Creme kauft, erwirbt man sich also ein Stück vom Künstler selbst und gleichzeitig den Gedanken, wo Kunst aufhört und das Konsumprodukt anfängt – eine durchaus berechtigte Frage in der Kunstwelt.

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re: William Anastasi, Thomas Rehbein Galerie

Die art berlin findet noch bis Sonntag, 17. September im Station am Gleisdreieck, Luckenwalder Straße 4 – 6, Berlin-Kreuzberg statt. Geöffnet ist Freitag und Samstag von 11-19 Uhr, Sonntag von 11-16 Uhr. Der Eitnritt kostet 16€, ermäßigt 12€. Weitere Tipps für die Berlin Art Week findest du hier.

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