Bom día Portugal: Mit großen Augen durch Lissabon

Lange schon wollte ich nach Lissabon reisen: Die Stadt am Tejo erschien mir als perfektes Ziel für eine kleine Reise. Und so brachte mich der Flieger Mitte Juni zu Hügeln und Pasteis del Nata.

Ging ich früher auf Reisen, so studierte ich vorsorglich ein oder zwei Reiseführer, schrieb mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und angebliche must sees auf – ich wollte möglichst viel aus meinem Besuch herausholen, der ja oftmals nur ein paar Tage dauert. Bei meiner Reise nach Portugal sah das anders aus.

Auf meiner Liste zur Reiseplanung befanden sich An- und Abflugszeiten, die Zugverbindung zwischen Lissabon und Porto sowie die Adressen der Hostels in beiden Städten. Ich hatte ein grobes Bild von Lissabon vor Augen, ein paar gut gemeinte Tipps von Freunden im Ohr, sonst aber: nichts. Ganz Lissabon sollte für mich wie ein weißes Blatt sein, welches ich nach und nach mit Erlebnissen, Eindrücken und persönlichen Lieblingsorten beschreiben wollte.

lissabon

Nachdem ich nach meiner Ankunft vor Ort die ersten kleine Hürde genommen hatte – in den urigen alten Trams, aber auch in den neueren, werden die Stationen weder angezeigt noch durchgesagt – und allein mit Vermutungen an der richtigen Haltestelle ausgestiegen war, erreichte ich die insgeheim von mir als „Hipster-Hostel“ bezeichnete Unterkunft in der LX Factory unter einer gigantischen Brücke, die über den Tejo führt und ein wenig der Golden Gate Bridge ähnelt.

Hier hatte ich mir eine kleine Schlafbox in einem Schlafsaal gemietet, die sich geräumiger herausstellte, als gedacht: Zusammengebaut aus MDF-Platten, mit Matratze, verschließbarer Box, Vorhang und robusten Haken für meine Kleidung baute ich mir hier eine gemütliche Höhle, in der ich den Stadtlärm hinter mir lassen konnte. Fehlten eigentlich nur noch die Blumen.

Lissabon, das hatte ich schon ewig auf der Wunschliste gehabt: Sonne, das Meer nicht weit entfernt, leckeres Essen und dieses wundervolle, mediterrane Gefühl. Bei meinem Aufenthalt war es dann vor allem eins: brechend voll! „Nun gut, du bist selbst schuld, wenn du mitten in der Hauptsaison fährst“, sagte ich mir und machte das Beste draus. Vermied es, in die allseits erwähnte „Linie 28“ zu steigen (an jeder Station tummelten sich unzählige Socken-in-Sandalen-Touristen, die noch nichtmal zur Hälfte in die winzigen Wagen passten) und wanderte stattdessen einfach so durch die Stadt.

Wanderte einen Hügel hinauf und eine Ecke weiter den nächsten hinunter, fotografierte so ziemlich jede Reihe von „Azulejos“ (die bunten Fliesen), die mir zwischen die Finger kam und trank unzählige Galaos, begleitet von cremig-süßen Pasteis del Nata. Philosophierte über den Unterschied zwischen Touristen und Reisenden – angefacht durch das kongeniale Buch von Matthias Politycki – und schrieb jeden Tag etliche Seiten in meinem Tagebuch mit Eindrücken und Gedanken voll.

„Du musst unbedingt in ein Restaurant mit Fado-Musik gehen!“ – „Pasteis de Belem, dort gibt es die besten Törtchen“ – „Von dem Castelo hast du die beste Aussicht über die Stadt“. Viele Ratschläge hatte ich vorab bekommen, nichts davon habe ich letztendlich gemacht. Bei knapp 40 Grad, etlichen Höhenmetern und überwältigend vielen, tollen Eindrücken blieb mir nichts anderes übrig, als mit großen Augen durch die Straßen zu laufen. Etwas von meiner Energie wollte ich mir darüber hinaus aufsparen, denn von Lissabon fuhr ich nach einigen Tagen weiter in den Norden nach Porto – in das ich mich recht schnell schockverliebte. Aber dazu später.

Dieser Text ist also, das habt ihr vielleicht schon bemerkt, kein klassischer „What to see in Lissabon if you’re on a Weekend Trip“-Text. Davon schwirren schon so einige durch das Netz. Mein Tipp für einen Besuch am Tejo: Nehmt euch bequeme Schuhe mit, vielleicht sogar die Siebenmeilenstiefel, eine gute Kamera, viel Durchhaltevermögen, ein paar portugiesische Worte (nein, hier heißt Danke nicht „Gracias“, sondern „Obrigada“ bzw. „Obrigado“) und unbändiges Interesse. Dann wird es ein großartiger Besuch!

Aber nun gut, ein paar Empfehlungen habe ich natürlich doch eingetütet…

Sehenswertes
– In der ganzen Stadt verteilt befinden sich die so genannten „Miradouros“, also Aussichtspunkte, von denen ihr den Blick über die Stadt – und den Sonnenuntergang! – genießen könnt
– Die LX Factory (wo ich übernachtet habe) liegt direkt unter der unübersehbaren Brücke im Südwesten der Stadt; hier findet ihr zahlreiche Cafés, Restaurants und ausgefallene Läden – sowie einen Buchladen, der vom Boden bis zur Decke mit Büchern gefüllt ist…
– Ja, der Tipp mit dem Viertel Bairro Alto ist natürlich nicht neu. Aber den möchte ich auch hinzunehmen: Enge Gässchen, eine Bar neben der anderen, alles etwas schrammelig und eine großartige Atmosphäre!

Für den Kaffeedurst & Hunger
– Am Campo Santa Clara (wo am Wochenende ein Flohmarkt stattfindet) im Alfama-Viertel (das einen Entdeckungs-Spaziergang wert ist) liegt die Focaccia in Giro: Bei einem Milchkaffee und einem kleinen Happen hat man hier seine Ruhe und noch dazu einen schönen Blick auf die Igreja de Santa Engrácia
– Ich gestehe: Hipster-Cafés ziehen mich eigentlich immer an. So landete ich (und das hatte ich wirklich vorher geplant) für einen leckeren Kaffee und eine großes Crunchy-Müsli mit Früchten im Hello, Kristof. Englische Hipster hinter der Theke, dazu Hipster-Einrichtung und passende Magazine. Lohnt sich!
Lost In – warum das Café ausgerechnet so heißt, wüsste ich wirklich gerne. Auf einer Terasse hinter dem gleichnamigen Laden, in dem man kunterbunte Kleidung aus Indien kaufen kann, lässt man sich zwischen indischen Tüchern und Kissen nieder und blickt bei einem Kaltgetränk über die Dächer der Stadt. Eine kleine und vor allem schattige Oase!

Für Mitbringsel
– In jedem Land, das ich bereise, schaue ich nach schönen (meistens altmodisch wirkenden) Verpackungen. A Vida Portuguesa war meine Fundgrube: Hier gibt es ausschließlich in Portugal produzierte – und das teilweise schon seit Jahrzehnten – hübsche Dinge, darunter Schreibhefte, Keramik, Seifen, Textilien und Kaffee-/Teeverpackungen sowie die obligatorischen Sardinendosen. Wundervoll!
– Im Sol e Pesca in der Nähe des Cais do Sodré findet ihr ebenfalls eine gut sortierte Auswahl an Sardinendosen mit pittoresken Verpackungen, die ihr vor Ort auch gleich als Essen serviert bekommen könnt

Wenn euch alles zuviel wird
– etwas weiter im Norden der Stadt liegt der charmante „Estufa Fria“ (siehe Bild), ein kleiner botanischer Garten, in dem es schön schattig und kühl ist. Hier wachsen Unmengen an Monstera und anderen tropischen Pflanzen und man kann es sich mit einem Buch auf einer der Bänke gemütlich machen (Eintritt 3,10€)

 

1 Kommentare

  1. Genau so ging es mir auch als ich im Juni in Lissabon war. Ich habe zwar einige Blogartikel zu Lissabon gelesen, aber so einen richtigen Plan hatte ich nicht! Inzwischen mag ich es allgemein total gerne ohne Plan durch Städte zu schlendern, mich zu verlaufen und dabei ungeahntes zu entdecken.
    In Portugal habe ich mich ganz klar auch schockverliebt. Bin gespannt auf deinen Porto Bericht. Dort bin ich nämlich dann im September und ich freue mich schon, mich wieder einmal zu verlaufen 🙂

    Liebe Grüße

    Vany

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