#buchpassion: 8 Bücher rund um das Thema DDR

DDRFoto: Flickr/Withoutfield

Janine von kaprizioes hat zur #buchpassion aufgerufen: Ich habe in diesem Zusammenhang ein paar empfehlenswerte Bücher zum Thema DDR – meinem Lieblingsthema – herausgesucht.

„Warum liest du so gerne Romane über die DDR?“ werde ich oft gefragt. Aber eigentlich ist die Antwort denkbar einfach:

Ich bin 1983 geboren und habe die Teilung Deutschlands nur ganz am Rande mitbekommen. Als die Mauer fiel, holten meine Eltern ihre knapp 6 Jahre alte Tochter aus dem Bett, um sie mit vor den Fernseher zu nehmen. Doch warum da nun Hunderte singender und weinender Menschen auf einer bunt besprühten Betonwand balancierten und Sekt tranken, verstand ich nicht.

Kurze Zeit später fuhren wir mit Verwandten aus Lübeck über die ehemalige Grenze in ein kleines Dorf der DDR: Kein Mensch auf der Straße, die Häuser fielen fast in sich zusammen, in den Schlaglöchern konnte man baden. so groß waren sie. Ein bisschen erinnerte es mich an das Ruhrgebiet, wo ich, im Schatten der Zeche, regelmäßig bei meinen Großeltern Urlaub machte.

Das es zwei Deutschlands gab, wusste ich spätestens seit dem Besuch unserer Verwandten aus Halle, die – wirklich sehr dem Klischee entsprechend – ca. 1988 oder Anfang 1989 mit ihrem klapprigen Trabi (und dem „DDR“-Aufkleber neben dem Nummernschild, wir hingegen hatten ein „D“ auf dem Auto kleben) zu uns nach Köln gezuckelt und beim Anblick unseres Obstkorbes in der Küche fast in Tränen ausgebrochen waren. Und dann doch dieser Dialekt!

Meine Begegnungen mit der DDR und mein Wissen über diesen Staat, der immerhin 40 Jahre gehalten hat (auch wenn 28 Jahre ein „antifaschistier Schutzwall“ nötig war, um das Volk beisammenzuhalten) waren also spärlich und klischeehaft. In der Schule wurde das Thema ausgeklammert, das Erlernen der „neuen Bundesländer“ fand ich müßig. Über das politische System und – noch wichtiger – wie die Menschen damit lebten, erfuhr ich nichts.

Bis ich 2005 nach Berlin zog und mit der dort immer noch spürbaren Geschichte konfrontiert wurde! Mittlerweile habe ich etliche Freunde und Bekannte, die „auf der anderen Seite“ aufgewachsen sind und gerne davon erzählen. Und seitdem lese ich – Sachbücher und Romane über das Leben in der DDR, Einzelschicksale, die politischen Wirrungen, die Repressionen. Und den stinknormalen Alltag der Menschen.

8 Bücher zum Thema DDR, die ich besonders empfehlenswert finde, habe ich für euch herausgesucht!

DDR

André Kubiczek
Skizze eines Sommers
1985 in Potsdam: Die Sommerferien stehen vor der Tür und Renés Vater verabschiedet sich recht spontan und für ein paar Wochen, um zu einer Friedenskonferenz in den Westen zu fahren. Sturmfreie Bude! An das Alleinsein gewöhnt man sich schnell, vor allem wenn man 1.000 Mark zur Verfügung hat, laut Musik hören und essen kann, was man möchte – und die drei besten Freunde Dirk, Michael und Mario ebenfalls den Sommer in Potsdam verbringen. Gemeinsam sitzen sie in Cafés herum und schreiben Gedichte von Baudelaire ab, zitieren Rilke, sprechen in Fremdwörtern und tragen schwarze Anzüge. Dass eine gut bewachte Grenze sie davon abhält, nicht nur im Kopf auf Reisen zu gehen, spielt sich eher leise im Hintergrund ab.

Peter Wawerzinek
Rabenliebe
Wie fühlt es sich an, von der Mutter zurückgelassen zu werden, weil diese allein in den Westen geflohen ist? Peter Wawerzinek weiß es nur zu gut, denn genau dieses Szenario prägte seine Kindheit – und prägt ihn bis heute. Er wuchs im Heim auf, wurde zwischen Adoptivfamilien hin- und hergereicht, begann erst spät, zu sprechen, wollte später als Grenzsoldat selber fliehen und tat sich schwer – mit dem Land, den Einschränkungen, sich selbst. Die Autobiographie Wawerzineks ist eine eindringliche Erzählung über das verlassen werden und das nicht ausbrechen können.

Peter Richter
89/90
Wir schreiben das Jahr 1989 in der Deutschen Demokratischen Republik. Dass sich bald bahnbrechende Dinge ereignen werden liegt im Frühsommer vielleicht schon in der Luft – aber wenn man gerade 15 Jahre alt ist, gibt es wirklich wichtigeres. Nachts über den Zaun ins Freibad einsteigen und nackt ins Wasser springen, Mädchen auf die sich wundersam verändernden Körperformen schauen, Zigaretten rauchen und Alkohol trinken zum Beispiel. Dazu FDJ-Versammlungen und 1. Mai-Demonstrationen und natürlich das Wehrlager mit Stechschritt und Schießübungen als Vorbereitung auf die NVA. Ganz normaler Alltag eben in diesem Staat, der sich den Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hat – und natürlich den Frieden. Doch dann fällt die Mauer und alles ändert sich…

Jutta Vogt
Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens
Gab es eine Boheme im Osten – bzw. war das Konzept „Boheme“ nicht spätestens mit dem zweiten Weltkrieg in der Versenkung verschwunden? Jutta Voigt beschreibt in ihrem poetisch-märchenhaften Rückblick, bei dem echte Erlebnisse mit geschönten Erinnerungen und Phantasien verschwimmen, die „unangepasste“ Seite der DDR. Die Künstler-, Theater- und Literatenszene, die sich vorwiegend, aber nicht nur, im Prenzlauer Berg aufhielt und mit selbstgeschneiderter Kleidung oder Mode aus längst vergangenen Jahrzehnten, literweise „Stierblut“-Rotwein und nächtelangen Diskussionen versuchte, sich aus der erdrückenden Langeweile im Land zu befreien. Absolut lesenswert!

Olaf Schwarzbach
Forelle Grau. Die Geschichte von OL.
Wer in Berlin lebt, kennt OL: Er steckt hinter den Comics „Die Mütter vom Kollwitzplatz“, diese sarkastischen und absolut treffenden Zeichnungen, und veröffentlicht regelmäßig in der Zitty. Seine Lebensgeschichte finde ich allerdings noch interessanter: Jahrelang wurde Olaf Schwarzbach von der Stasi bespitzelt, unter Druck gesetzt und in eine Richtung gezwungen, die er eigentlich gar nicht gehen wollte. Im Herbst 1989 flieht er in Ungarn über die Grenze in die Bundesrepublik Deutschland – obwohl er eigentlich nie in den Westen wollte. Doch die Umstände hatten ihn gezwungen, sein Heimatland zu verlassen, denn seine Zeichnungen waren der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Wie OL das wurde, was er ist, lest ihr in diesem Buch.

Regina Scheer
Machandel
In dieses Buch kann man für eine Weile vollständig eintauchen: Es erzählt die Geschichte von Clara, die 1985 mit ihrem Bruder – kurz vor dessen Ausreise aus der DDR – in ein kleines mecklenburgisches Dorf namens Machandel fährt, wo sie sich, recht spontan, eine alte Kate kauft. Bereits ihr Großvater hatte kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs hier gewohnt und so verwebt sich die Geschichte des Dorfes bis heute mit dem Leben Claras und ihrer Familie. Eine eindringliche Zeitreise durch mehrere Generationen und drei politische Systeme und eine lebendige Schilderung der Wende- und Nachwendezeit.

Uwe Tellkamp
DerTurm
Ein dicker Klopper ist dieses Buch, das in einem Dresdner Villenviertel in den späten Tagen der DDR spielt. Die Hoffmans haben sich hier ihr kleines Reich des Bildungsbürgertums geschaffen, auch wenn dies im real existierenden Sozialismus eigentlich nicht vorgesehen ist. Kann man sich mit klassischer Musik und Literatur den Tücken des Regimes entziehen? 2008 wurde der Roman zu Recht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Jochen Schmidt
Der Wächter von Pankow
Wer Jochen Schmidt liest oder hört, dem sind einige Lacher garantiert. Schmidt erinnert sich an die turbulente Wendezeit, in der er eigentlich nur schreiben wollte, doch wo von jetzt auf gleich alles anders wurde: „Ich konnte mich auch nicht darauf konzentrieren, weil ich ständig überfordert war, mit allem, was wir seit der Wende lernen mußten. Beim Fahrradfahren einhändg einen Döner zu essen. Meine neue fünfstellige Postleitzahl. Wie man eine Flasche Wick Medinait aufschraubt. Daß die Dimitroffstraße früher Danziger geheißen hatte. Daß man am Ende meistens die Rautetaste drücken muß. Wie man einen Wohnberechtigungsschein beantragt.“ Wie fanden sich die DDR-Bürger in der „neuen Welt“ nach dem Mauerfall zurecht? Jochen Schmidt erzählt es.

Meine Frage an euch: Welche Bücher kennt ihr noch, die sich um dieses Thema drehen? Könnt ihr mir weiteres empfehlen?

11 Kommentare

  1. Hallo Julia,

    ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass du auch einen Artikel für #buchpassion verfasst. Das freut mich wirklich sehr und noch mehr dein Thema. Ich habe die DDR knapp verpasst – bin 1990 geboren, aber auch meine Eltern erzählen immer mal wieder davon. Das ist immer interessant.
    Als das Buch von OL erschien, hat er in meiner Heimatstadt gelesen. Ich hatte keine Ahnung, wer OL war und bin eigentlich nur zur Lesung gegangen, weil sonst auch nicht so viel in Greiz passiert. Die Atmosphäre der Lesung war unvergleichlich, da gerade auch das Publikum viel zu erzählen hatte. 😉

    Danke für deinen Artikel!
    Janine

    • Fräulein Julia

      Die persönlichen Geschichten sind eigentlich das Beste, oder? Ich frage meine Bekannten aus Ost- und Westberlin auch dauernd darüber aus, weil ich so wenig von der Zeit mitbekommen habe 🙂

  2. Pingback: #Buchpassion – Edition: Lieblingsautorinnen und -autoren

  3. Hallo, vielen Dank für diesen Beitrag und die Empfehlungen! Mir geht es ganz ähnlich, ich bin auch Dein Jahrgang, im Westen aufgewachsen und nur am Rande mit der DDR in Berührung gekommen. Mich hat aber seit der Schule sehr stark die Literatur aus der DDR interessiert und auch die Gesellschaft. Ich kann von Lutz Seiler „Kruso“ empfehlen, außerdem als Gesellschaftsstudie über den DDR-Literatur(wissenschafts-)betrieb die Novelle von Günter de Bruyn „Märkische Forschungen“. Maxim Leos „Haltet euer Herz bereit“ ist ein schöner Schmöker für Herbstnachmittage.

    • Fräulein Julia

      Oh, „Märkische Forschungen“ muss ich mir mal anschauen! „Kruso“ fand ich etwas zäh, wogegen Maxim Leos Buch nur einen Nachmittag bei mir gebraucht hat, ich war sehr angetan davon 🙂
      (es war aber aus der Bib ausgeliehen, sonst wäre es ziemlich sicher mit auf dem Bild!)

  4. Hier möchte ich unbedingt noch „Kinderland“ ergänzen, als Graphic Novell fällt das zwar etwas aus dem Rahmen, aber das macht ja hoffentlich nichts. Zum Thema „Leben in der DDR“ passt kaum ein Buch so gut, wie „Kinderland“ das wichtigste Ereignis im Buch ist eigentlich der Mauerfall, aber trotzdem drehen sich nur wenige der knapp 300 Seiten direkt darum. Der mit Abstand größte Teil des Buches beschreibt sehr anschaulich den Alltag von Kindern in der DDR. Lesenswert ist es allein dafür, dass das dramatischste an der Wende für den Protagonisten Micro ist, das er nicht am Tischtennisturnier teilnehmen kann, da seine Eltern mit ihm nach „drüben“ fahren wollen. Die Stasi, Ausreise oder Flucht, die Friedliche Revolution, natürlich kommt all das auch vor, aber das besondere ist die Perspektive.
    Mehr eine Liebes- denn eine DDR-Geschichte, aber so oder so ein sehr lesenswertes Buch ist auch „Was gewesen wäre“ von Gregor Sander.

    Kinderland: http://www.reprodukt.com/produkt/comics/kinderland/
    Was gewesen wäre: http://www.wallstein-verlag.de/9783835313590-gregor-sander-was-gewesen-waere.html

    • Fräulein Julia

      Danke für die Tipps! „Was gewesen wäre“ habe ich auch gelesen & denke noch immer daran zurück (wie schön wäre es, wenn man Bücher noch einmal lesen könnte, ohne sie zu kennen!). „Kinderland“ habe ich mir notiert.

  5. Hallo Julia,

    meine Eltern reden regelmäßig über die Zeit, als es noch zwei deutsche Staaten gab – obwohl sie im Westen geboren und aufgewachsen sind.
    Auf unserem Berlin-Urlaub vor kurzem (meine Schwester hat es in die Hauptstadt gezogen, daher hat die ganze Familie dort knapp 2 Wochen verbracht) hat insbesondere meine Mama immer wieder gesagt: „Das war damals im Osten, das hätten wir dann gar nicht so einfach besuchen können.“
    Ich bin grundsätzlich geschichtlich interessiert und habe vor kurzem festgestellt, dass ich eigentlich herzlich wenig über die DDR weiß. Diese Seite habe ich daher direkt mal gespeichert und ich werde sicher einige der Bücher kaufen.

    Ein Buch allerdings, das ich kenne und super finde, ist „Krokodil im Nacken“ von Klaus Kordon – unglaublich, wie gut er die Atmosphäre in einem Stasi-Gefängnis wiedergibt.

    Liebe Grüße
    Celina

    PS: Ich finde es sehr sympathisch, dass du keinen Käse magst! Finde ich auch ganz furchtbar und stoße damit regelmäßig auf tiefstes Unverständnis.

    • Fräulein Julia

      Super, „Krokodil im Nacken“ kenne ich bisher nur vom Namen her!
      Und zum Käse: Ich war kürzlich in Frankreich, u.a. mit 5 Schweizern. Ich hatte fast panische Angst, dass sie Käse-Fondue auftischen und ich mich in der Runde outen muss… 😉 Du kennst die üblichen Reaktionen ja sehr gut.

  6. Ich bin in der DDR aufgewachsen und war 12 Jahre alt als die Mauer fiel. Die DDR war ein Unrechtsstaat das muss man nicht diskutieren.
    Ich bin aber immer wieder erstaunt was dabei rauskommt wenn Westdeutsche mir die DDR erklären.
    In meiner Familie haben wir schon immer die Tagesschau und die Aktuelle Kamera (Nachrichtensendung der DDR) geschaut und waren sehr wohl in der Lage uns unser eigenes Bild zu machen und nicht einfach alles kritiklos zu übernehmen.
    Das Vorurteil Ostdeutsche hatten nix zu essen scheint sich hartnackig zu halten. Ich kann dich beruhigen, ich habe jede Menge Obst und Gemüse gegessen in der DDR. Der Anblick eines Obstkorbes hätte mich sicher nicht zum Weinen gebracht.
    Wie bereits erwähnt, ich lasse mir ungern die DDR von Westdeutschen erklären.

    • Fräulein Julia

      Liebe Lena, du liest doch im Text eindeutig heraus – hoffe ich – das ich damals 6 Jahre alt war. Das meine Erinnerungen klischeehaft sind, habe ich ebenfalls erwähnt. Aber es war so: Unser Besuch hat beim Anblick des Obstkorbes geweint und mich hat das damals sehr irritiert. Damit habe ich nicht bezweckt, als „Westdeutsche“ „euch Ostdeutschen“ zu erklären, wie (vorgeblich schlecht) ihr damals gelebt habt. Aber da erzählt mir auch jeder etwas anderes, ehrlich gesagt.

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