David Garnett: „Mann im Zoo“

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Ein junges Paar macht an einem Sonntag einen Spaziergang durch den Zoo. So weit, so normal. Doch am Ende des Tages sind die beiden zerstritten und der junge Mann beantragt beim Zoodirektor, als Exemplar der „Gattung Mensch“ dauerhaft in einem Käfig ausgestellt zu werden. Was ist passiert? David Garnett, der Autor mit dem Faible für „Tiergeschichten“, hat wieder zugeschlagen.

Was natürlich nicht ganz richtig ist: David Garnett, 1892 in Brighton geboren, verstarb 1981 in Frankreich, wurde dann viele Jahre lang vergessen – bis der dörlemann verlag seine Kurzgeschichten bzw. Novellen wieder aus der Versenkung gehoben hat. Letztes Jahr sorgte bereits „Dame zu Fuchs“ für ein gemeinschaftliches Schmunzeln im Feuilleton, nun folgt „Mann im Zoo“, ein nicht minder humorvolles kleines Werk für einen lauschigen Abend.

John Cromartie und Josephine Lackett lieben sich, zumindest sind sie dieser Meinung – doch in der Definition von Liebe trennt sie ein tiefer Graben. „In der Liebe heißt es: Alles oder nichts. Du kannst nicht mehrere Menschen gleichzeitig lieben. Das weiß ich, weil ich dich liebe und somit jeder andere Mensch mein Feind ist, zwangsläufig mein Feind ist“, ist John überzeugt. Doch Josephine hält eisern dagegen, natürlich könne man mehrere Menschen gleichzeitig lieben! Die beiden schaukeln sich hoch, dabei die verschiedenen Zootiere beäugend, bis Josephine auf einmal ausruft:

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„Ich wiederhole es nur zu gern, du solltest dich hier im Zoo einsperren und ausstellen lassen, den Gorilla zu deiner Rechten und den Schimpansen zu deiner Linken. Die Wissenschaft hätte ihre Freude an dir.“
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Sprach’s und eilte davon. John Cromartie fühlt sich in seiner Ehre angegriffen und entschließt sich zu einem absolut ungewöhnlichen Schritt: Er bittet den Zoodirektor in einem ausführlichen Brief, ihn als Exemplar der Gattung Mensch dauerhaft in einem Käfig unterzubringen, am besten neben den Menschenaffen. Und wohnt fortan auf kleinstem Raum, aber mit allen Annehmlichkeiten eines ehrenhaften Mannes, hinter Glas. Ganz schön viel Aufwand, um eine Frau zu beeindrucken, oder? Und das geht zunächst auch sowieso gehörig schief…

Also wieder Tiere. Anders als in „Dame zu Fuchs“ bleiben die Protagonisten in „Der Mann im Zoo“ allerdings gewöhnliche Menschenwesen, wenn auch ausgestellt wie ein Lebewesen aus dem Dschungel. Und da macht sich die Frage laut: Ließ Garnett hier nur seiner – gar nicht so abwegigen – Phantasie freien Lauf oder dachte er dabei (wie ich, zugegeben) an die „Völkerschauen“, die seit den 1870er Jahren in ganz Europa „fremdartige Rassen“ öffentlich zur Schau stellten?

Versteckt sich hier eine unverblümte Kritik an der menschunwürdigen Unterteilung in „gute“ und „schlechte“ Menschenrassen, die auch vor Joseph Cromartie keinen Halt macht, als im Nebenkäfig ein „Neger“ einquartiert wird? Oder geht es schlicht und einfach nur um die Höhen und Tiefen einer intensiven Liebesgeschichte? Dass David Garnett auf geschickte Art diese Fragen aufwirft, ohne dabei seinen leichtfüßigen Ton zu verlieren, macht diesen Text zu einem Roman, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

David Garnett
Mann im Zoo
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
Hardcover, 160 Seiten, 17€
ISBN 9783038200406

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