Deutsch-Polnische Freundschaft: Uwe Rada reist ins Jahr „1988“

1988Foto: Flickr/ Tom Hapgood

1988 in West-Berlin: Der linksalternative Jan und die polnische Doktorandin Wiola lernen sich in einer Hinterhofkneipe kennen. Es beginnt eine amour fou, die die beiden nie vergessen…

Als Jan nach drei Jahrzehnten den Brief von Wiola in den Händen hält, ist klar: Er muss noch einmal nach Polen fahren. Und die Reise wiederholen, die er damals, 1988, schon einmal gemacht hat. Hinterm Lenkrad bleibt viel Zeit, das längst Vergangene Revue passieren zu lassen.

„Ob Mauer oder Staatsgrenze, im Grunde war es egal. Berlin bestand damals aus vielen Grenzen. Der Görlitzer Bahnhof sorgte als eine Art Raumteiler dafür, dass nicht so viele Neuköllner nach Kreuzberg kamen. Der Landwehrkanal wiederum trennte Kreuzberg 36 vom Schickimicki in Kreuzberg 61.“ […] Was bedeutete da schon die Zonengrenze? Oder der Eiserne Vorhang?“

Kreuzberg 36 Ende der 1980er Jahre: Etwas ist im Umbruch, doch was genau, kann Jan nicht sagen. Er bewegt sich mit seinen Kumpels durch den heruntergekommenden, linksradikalen Kiez im Schatten der Mauer, als gehöre ihnen die Welt. Sie werfen Steine als Protest gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, obwohl sie in ihrer Kreuzberger Blase eigentlich ganz zufrieden sind. „Revolutionsromantiker“ schimpft ihn Wiola, die er eines Abends in einer Hinterhofkneipe kennenlernt. Und sie hat damit irgendwie recht: Was weiß Jan schon von den Verhältnissen auf der anderen Seite der Mauer und in den sozialistischen Bruderländern wie Polen, wo Wiola aufgewachsen ist?

1988

Fasziniert von Wissen und Experimentierfreudigkeit der Frau mit den in der Szene absolut unpassenden roten Lackpumps lässt sich Jan auf eine amour fou mit der hübschen Polin ein – eine amour fou, die ohne jeglichen sexuellen Kontakt auskommen muss und, so bestimmt es Wiola, rein auf intellektueller Ebene abläuft. Gemeinsam spazieren sie entlang der Berliner Mauer, beobachten das Treiben auf dem Lenné-Dreieck, welches kurz vor dem Gebietsaustausch zwischen West-Berlin und der DDR von Protestanten besetzt wurden. Und sezieren das Gefüge dieser Stadt, die wie in der Hälfte aufgeschnitten wirkt:

„Der Patient heißt Berlin, schlug ich vor, es ist ein siamesischer Zwilling, der getrennt werden soll. Nur hat man übersehen, dass er hier, an dieser Stelle, von einer einzigen Arterie versorgt wird. Und jetzt stehen die Ärzte im OP, noch immer das Skalpell in der Hand, und wissen nicht, was sie tun sollen.“

Doch Berlin ist nicht alles und so brechen die Beiden zu einer Reise nach Polen auf, wo gerade die Streiks der Solidarnosc begonnen haben und deutlich etwas in der Luft liegt – für Jan eine völlig neue, eine völlig andere Welt. Was weiß er eigentlich von der „anderen Seite der Mauer“? Und welche Rolle spielt der allgemeine Wunsch nach einem vereinigten Europa für ihn persönlich? Und dann geht auf diesem Roadtrip alles drunter und drüber…

Bücher rund um das Thema DDR sind in den letzten Jahren en masse erschienen, auch viele Romane über die anarchischen Verhältnisse in West-Berlin. Doch hatten letztere meistens einen humoristisch-nostalgischen Unterton, die gute alte Zeit und so – nicht so bei Uwe Rada. Sein emotionaler Rückblick durch die Augen eines alt gewordenen ehemaligen Mitglieds des schwarzen Blocks schaut hinter die Kulissen der damaligen Diskussionen und Gegebenheiten und lenkt den Blick dabei auf das Nachbarland Polen, dessen politische Geschichte wohl vielen von uns mehr oder weniger unbekannt ist.

Doch nicht nur die Beschreibung der sozialen Umbrüche und dem „Insel-Dasein“ in West-Berlin machen den Reiz dieses Romans aus, sondern vor allem die Liebesgeschichte zwischen Jan und Wiola, die alles andere als handelsüblich daherkommt. Eine Liebschaft, die auch 30 Jahre später für Jan noch nichts von ihrer Wirkung verloren hat – und auf den Leser mindestens genauso viel Eindruck macht.

Uwe Rada
1988
edition.fotoTAPETA, 2017
Gebunden, 256 Seiten, 18,.€
ISBN 978-3-940524-65-2

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