Die Liebe und „Das Rauschen in unseren Köpfen“

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Lene und Hendrik sind verliebt – und wer verliebt ist, dem kann gar nichts passieren, oder? Der Debütroman von Svenja Gräfen beschreibt den Liebesrausch mit packenden Worten.

Könnt ihr euch noch an eure erste Liebe erinnern? Was für eine überflüssige Frage eigentlich: Wer schon einmal mit Haut und Haaren, mit Blut, Schweiß und Tränen geliebt hat, wer von den Wolken der jauchzenden Verliebtheit in den schwarzen Abgrund des Liebeskummers gestürzt ist, um beim pathetischen Ton zu bleiben – wie könnte man solche Gefühlswallungen vergessen?

liebeIn Svenja Gräfens Debütroman Das Rauschen in unseren Köpfen, welches in der neuen ullstein fünf-Serie erschienen ist (und somit das dritte von mir rezensierte aus der Reihe), sitzt die Protagonistin und Ich-Erzählerin inmitten des glitzernden Scherbenhaufens ihrer Beziehung zu Hendrik. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Sie hatte Hendrik bereits ein paar Tage zuvor an einer Haltestelle bemerkt, als sie ihn ein erneut trifft und anspricht. Sie nimmt ihn – ohne bestimmte Absichten, man kennt sich ja gerade erst – auf einen Kaffee mit in ihre Wohnung, sie verquatschen die ganze Nacht, verbringen sie zusammen, sehen sich wieder und immer häufiger. Wie Liebesgeschichten eben meist beginnen, ganz harmlos und handzahm.

ich zupfte an meinen Haaren und dachte: Das ist größer, das ist so viel größer als alles, was ich bisher gekannt habe.

Als die Mitbewohnerin von Lene auszieht, übernimmt Hendrik ihr Zimmer, jetzt hat der Pärchenstatus plötzlich ein ganz anderes Gewicht – doch bringt gleichzeitig auch Probleme mit sich. Hendrik zieht sich zurück, verschwindet manchmal ohne ein Wort, bleibt unnahbar. Beiläufig erzählt er Lene von seiner Exfreundin, bei deren Familie er zu Schulzeiten wohnte, weil er mit seiner eigenen nicht klar kam. Nun geistert diese Frau wie ein schwarzer Schatten durch die Beziehung von Lene und Hendrik. Wie viel Macht hat sie noch?

Ich musste es jetzt fragen. Ich musste. Ich öffnete den Mund, um dann doch bloß auszuatmen. […] Dann riss ich mich zusammen, das war doch lächerlich, es war eine ganz gewöhnliche Frage, solche Fragen fragte man, jeden Tag, ich hatte jedes Recht, diese Fragen zu stellen. Hast du eigentlich was von Klara gehört?

Erstaunlich glasklar, dafür aber schmerzhaft treffend wie ein Vorschlaghammer sind die Worte von Svenja Gräfen, mit dem sie das Scheitern einer jungen Beziehung beschreibt. Hier sitzt jedes Wort, hier entfaltet jeder Satz seine Wucht erst ein paar Sekunden, nachdem man ihn gelesen hat.

In einer radikalen Innenschau sind wir als Leser schutzlos den peinigenden Gedankenkreiseln von Lene ausgesetzt, ihren emotionalen Achterbahnfahrten und der Unfähigkeit, Beziehungsthemen an- und auszusprechen. Wer schon einmal geliebt und verlassen hat oder verlassen wurde, findet sich in diesem Roman unweigerlich wieder. Das ist schaurig-schön und ebenso schmerzhaft wie wundervoll!

Svenja Gräfen
Das Rauschen in unseren Köpfen
Ullstein Verlag, 2017
Hardcover, 240 Seiten, 16,-€
ISBN-13 9783961010042

Foto: Chad Madden

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