documenta 14 in Kassel: „Schneewittchen und der kopflose Kurator“

documenta

Erneut hat Christian Saehrendt anlässlich der documenta in Kassel ein höchst amüsantes Buch über die hessischen Gepflogenheiten verfasst. Nicht nur für Kunstkenner!

Alle Jahre wieder…genauer gesagt alle fünf Jahre seit 1955 steht Kassel Kopf: Dann findet in dem beschaulichen Städtchen in Hessen eine der weltweit bekanntesten Ausstellungen für moderne Kunst statt – die documenta. Aber warum eigentlich gerade Kassel, diesem – böse gesagt – Nicht-Ort mit seinen grummeligen Bewohnern ohne jeglichen Sinn für Stil?

Meine Worte klingen fies, treffen aber ganz gut den sarkastisch-liebevollen Ton, mit dem der gebürtige Kasselaner Saehrendt in seinem neuesten Streich „Schneewittchen und der kopflose Kurator“ sich den Gepflogenheiten seiner Heimatstadt und deren Umgebung nähert. Das beginnt schon auf der erste Seite mit einem Zitat von Alexander von Humboldt:

Selten habe ich schlechtere, ärmlichere, hässlichere Dörfer gesehen als im Hessischen […], große Menschen sieht man hier fast gar nicht, aber sie sind meist sehr muskulös, sehr grob von Haut und Knochen.

„Wer nur konnte, wanderte aus“, setzt der Autor hinterher – und beschreibt dann seitenweise die schaurig-schöne, von Mythen und Mysterien durchzogene Landschaft in Hessen, die nicht ohne Grund an der Deutschen Märchenstraße liegt. Hier befindet sich noch heute eine ganze Menge dunkler und dichter Wald, der den Menschen seit jeher einen Schrecken einjagt – erkennbar ist das an Ortsnamen wie Schrecksbach, Schocketal, Friedlos, Lieblos, Sterbfritz, Übelgönne, Schlitz und Strang. Die Hessen, ein Völkchen mit ausgefallenem Humor oder schlicht getrieben vom Aberglauben?

Man muss die Hessen eigentlich gar nicht bis in alle Facetten verstehen, wenn man zu einer Kunst-Ausstellung fährt. Und doch macht es großen Spaß, die Anekdoten, Geschichten und Erklärungen des Autors zu lesen, wie und warum Kassel eigentlich zur Kunststadt mutierte, warum sie es heute noch ist und vor allem, welchen Einfluss dies alles auf die Stadt hatte und hat. Kassel, die unscheinbare Raupe, die sich im fünfjährigen Turnus zum schillernden Schmetterling umwandelt?

documentaDie documenta habe schon immer eine „volkspädagogische Mission“ verfolgt, lernen wir, um die vom dritten Reich geschädigten Menschen „umzuerziehen“, sie wollte aber gleichzeitig auch Kunst der breiten Masse zugänglich machen. Dies erklärt vielleicht auch die Ansiedlung der Ausstellung quasi „mittig“ im Land, gut erreichbar von allen Seiten und mit moderaten Eintrittspreisen erschwinglich. Christian Saehrendt geht in verschiedenen, kurz und knackig gehaltenen Kapiteln auf die verschiedenen documenta-Jahre und ihre jeweiligen Schwerpunkte ein – und das kann als Vorbereitung auf den Besuch ja nie schaden. Man möchte ja schließlich mitreden können, oder?

Aus zeitlichen Gründen habe ich es dieses Jahr nicht geschafft, zu den Presse-Eröffnungstagen der documenta zu fahren. Doch ein paar Seiten mit Herrn Saehrendt und dem „kopflosen Kurator“ (oder auch dem Vorgänger „Ist das Kunst oder kann das weg“) und ich schiele auf die Bahnfahrpläne: Ohne einen Besuch in Kassel geht es eben auch nicht und vielleicht wird es ja diesmal noch ein bisschen mehr Hessen?

Christian Saehrendt
Schneewittchen und der kopflose Kurator. Der Reiseführer für documenta-Besucher, Romantiker und Horrorfans
Dumont Verlag, 2017
Taschenbuch, 240 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-8321-6308-2

Foto: Sebastian Unrau

1 Kommentare

  1. Danke für den Tipp – ich kannte das Buch nicht und hätte vermutlich nicht spontan danach gegriffen… jetzt allerdings werde ich es mir definitiv zulegen. Eine schöne Abwechslung, denn man fährtsich doch schnell in einer Sparte fest …

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