E.M. Forster: „Die Maschine steht still“

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Die Erdoberfläche ist unbewohnbar geworden, die Menschen leben in kleinen Waben unter der Erde, ihr Alltag wird geregelt von der MASCHINE: Mit Die Maschine steht still schuf E.M. Forster 1909 eine Dystopie, die aus heutiger Sicht gruselerregend möglich wirkt.

Die Welt, irgendwann in ferner Zukunft: Vashti – sie wird als „ein in Tücher gewickelter Fleischberg – eine Frau, etwa anderthalb Meter groß, mit einem Gesicht weiß wie Pilz“ beschrieben – sitzt in ihrer sechseckigen Wohnwabe und bereitet sich auf ihren Vortrag über die Musik der „Australischen Periode“ vor, als ihr Sohn Kuno um ein Telefonat bittet. Die beiden haben sich seit Jahren nicht gesehen, was Vashti aber nicht stört. Denn in der Welt, in die uns Forster mitnimmt, sind persönliche Kontakte, die nicht über den Bildschirm abgewickelt werden, unerwünscht und unbeliebt.

Warum sollte man sich auch mit anderen Menschen treffen, wenn einem doch – die MASCHINE macht es möglich – binnen Sekunden die ganze Bevölkerung zugänglich ist? Direkter Kontakt ist da nur lästig. Überhaupt: Die MASCHINE. Sie ist es, die die Menschheit in ihrem unterirdischen Dasein am Leben erhält, den Alltag vorgibt – einen Alltag, der nicht von einem Tag- und Nachtrhythmus beherrscht wird, wie wir ihn kennen, sondern individuell festgelegt wird. Durch sie erhalten die Menschen Sauerstoff, Nahrung und vor allem: den Sinn ihres Lebens und Antworten auf alle Fragen. Religionen sind in dieser Welt verpönt, doch die Maschine wird angebetet, das BUCH DER MASCHINE wie eine Bibel verehrt:

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„Sie sah sich in ihrem Zimmer um, als könnte sie beobachtet werden. Dann flüsterte sie, halb beschämt, halb vergnügt: „Oh, Maschine! Oh, Maschine!“, und hob den Band an ihre Lippen. Dreimal küsste sie ihn, dreimal neigte sie den Kopf, dreimal überkam sie das rauschhafte Gefühl der Ergebenheit.“
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Die Maschine steht still Vashti ist dem System bedingungslos ergeben, weshalb es sie maßlos empört, dass ihr Sohn Kuno zur Revolte neigt: Er hat sich – dies ist absolut illegal und wird mit HEIMATLOSIGKEIT bestraft – Zugang zur Erdoberfläche verschafft und ist sich sicher, dass dort noch Leben existiert. Wie soll man mit so einem aufmüpfigen Sohn umgehen? Kuno möchte sich von der Unterdrückung der Maschine befreien – und reißt damit die ganze Welt in den Abgrund…

Diese Dystopie, vor über 100 Jahren geschrieben, hat nichts von ihrer Aktualität verloren, ja sie vielleicht erst erreicht: Forster erweckt ein zukunftspessimistisches Szenario zum Leben, welches in unserer globalisierten und vor allem durchtechnologisierten Welt gar nicht so abwegig erscheint.

Haben wir nicht schon längst die Segel gestrichen vor der Macht der Maschinen? Wie lange wird es noch dauern, bis diese das Ruder endgültig in die Hand nehmen? Kann sich künstliche Intelligenz so weit entwickeln, dass sie zur vollständigen Unterdrückung der Menschheit fähig ist? „Die Maschine steht still“ lässt einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen und regt zum Nachdenken an. Wie wollen wir in Zukunft leben?

E. M. Forster
Die Maschine steht still
Aus dem Englischen von Gregor Runge
Hoffmann und Campe, 2016
Gebunden, 80 Seiten, 15€
978-3-455-40571-2

1 Kommentare

  1. Hallo Julia,

    dass manche Dystopien erst im Laufe der Zeit aktueller werden denke ich manchmal auch. Ich weiß nicht ob es an der aktuellen Zeit liegt, oder ob das jeder Generation so geht.

    Das Buch klingt jedenfalls sehr spannend und den Titel werde ich mir mal merken.

    LG
    Julia

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