Empört euch!

Netzkultur

Unter dem Titel Netzkultur – Freunde des Internets“ fand am Samstag ein Thementag der Berliner Festspiele statt, bei der u.a. die Autorin Juli Zeh zu Wort kam. „Empört euch!“ könnte man ihre Forderung umschreiben. 

Das Internet ist „ein zu weites Feld“, würde der alte Briest bei Fontane sagen, und tatsächlich scheint es in der virtuellen Welt gerade ganz schön drunter und drüber zu gehen. Ist das Internet ein rechtsfreier Raum, in dem wir ganz anonym die Sau rauslassen können? Welche Bedeutung und Auswirkungen haben die aktuellen Datenskandale auf unseren Umgang mit dem Netz? Und wie steht es um die Chancen und Herausforderungen für die Kunst- und Kulturszene?

Juli Zeh ist aufgebracht. Die Autorin, die im Sommer mit Kollegen einen offenen Brief an Merkel formuliert hatte, um diese zu einer Reaktion auf den NSA-Skandal aufzufordern, eröffnete die Konferenz mit ihrem Vortrag „Einspruch! Technologie ist keine Naturgewalt“. Auch wenn die Aktion – man ließ die Autoren, die die zigtausend Unterschriften zum Kanzleramt brachten, nicht ins Haus – in den Medien Widerhall fand, war sie schnell wieder vergessen. Man echauffierte sich gerade parallel über den geforderten „Veggie Day“ der Grünen, Datendiebstahl konnte gegen den anberaumten Fleischverzicht nicht anstinken. „Da kann man eh nix machen“, würden die meisten Menschen denken, kritisierte Zeh, doch das sei nur Faulheit. Vielmehr stelle uns die digitale Revolution vor Probleme, die wir in ihren ganzen Ausmaßen noch gar nicht erfassen könnten.

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Immer schnellere Technik will der Mensch, zeiteffizienter und produktiver arbeiten, das vernetzte Haus ist schon längst keine Zukunftsmusik mehr. „Doch wohin führt es, wenn die Kaffeemaschine dem Kühlschrank meldet: Frau Zeh trinkt neuerdings 4 statt 2 Tassen Kaffee pro Tag und braucht mehr Milch“, der Kühlschrank die Milchaufstockung aber nicht nur an den Supermarkt, sondern auch an die Krankenkasse sendet und diese als Reaktion darauf – zu viel Kaffee trinken ist ungesund! – den Beitrag hochschraubt? Prävention ist das bunt flimmernde Schlagwort, das heutzutage an jeder Ecke, ob passend oder nicht, aus dem Ärmel geschüttelt wird. Doch wollen wir wirklich alles wissen und zum gläsernen Mensch werden? Ist nicht eine gewisse Unwissenheit über die Zukunft ganz nett? Man brauche ein Verbot für die umfassende Auswertung von Daten, fordert Zeh.

Doch an dieser Stelle kommt die Politik ins Spiel und die, das hat man ja mitbekommen, steckt lieber den Kopf in den Sand, anstatt sich produktiv mit der Debatte und Problematik auseinanderzusetzen. Das Internet ist „Neuland“, da hat Merkel recht – denn wie vielen ist nicht bewusst, dass im Netz die gleichen Gesetze wie in der „kohlenstoffhaltigen Welt“ gelten? „Es fehlt der Wille und das Verständnis bei den Politikern, sich mit der Materie zu beschäftigen“, so Zeh. Aber geht es hier nicht in erster Linie um Macht? Die Datenkraken zu kritisieren hieße, sich mit den Konzernen anzulegen, dann hat man auch schnell mal die empörten Lobbyisten auf der Fußmatte stehen – die Debatte für beendet zu erklären ist wohl leichter.

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Doch die Machtfrage wird von Juli Zeh geschickt umschifft, auch wenn sich die Twitter-Timeline zum Hashtag #nk1314 fast biegt vor Spannung. Darüber müssen wir nochmal reden!

Die Veranstaltung „Netzkultur – Freunde des Internets“ ist eine Reihe der Berliner Festspiele und der Bundeszentrale für politische Bildung und wird am 18. Januar und am 22. Februar 2014 fortgesetzt.

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