Franz und seine Bindungsstörung: „Kafka und Felice“

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„Franz und Felice, zwei Namen wie erfunden füreinander“. Unda Hörner lässt die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Franz Kafka und Felice Bauer auf charmante Weise aufleben.

Ach Felice, wahrscheinlich hättest du dir viel Leid und Sorgen erspart, hättest du dich nicht auf einen Briefverkehr mit diesem mageren Herrn mit den wirren literarischen Texten eingelassen! Als Felice Bauer im August 1912 bei Max Brod in Prag vorbeischaut, lernt sie Franz Kafka kennen. So ganz geheuer ist er ihr nicht – doch als sechs Wochen nach ihrer Reise ein Brief mit dem Logo der Arbeiter-Unfall-Versicherung eintrudelt, bei der Franz Kafka arbeitet, entwickelt sich ein reger Briefverkehr.

Deutlich mehr Briefe flattern allerdings in Berlin ein, Kafka hat offensichtlich ein großes Redebedürfnis – Felice fühlt sich zunächst etwas überrannt von soviel Offenherzigkeit und hat auch neben ihren beruflichen Verpflichtungen wenig Zeit, ebenso ausführlich zu antworten. Dennoch entspinnt sich zwischen Franz und Felice ein zartes Band, welches irgendwann so reißfest scheint, dass die logische Konsequenz ist: Man verlobt sich.

Aber, achje, mit dem Ring am Finger beginnt eine Zeit voller Unsicherheiten. Eigentlich sollte man sich jetzt gemeinsam auf die Hochzeit, das Finden einer Wohnung und die Familienplanung kümmern. Doch Franz, so sehr er Felice auch immer wieder seine Liebe versichert, definiert sich gleichzeitig als höchst schwierigen Zeitgenossen, der streng genommen allein in seiner Schreibstube sitzen möchte und eine Warnung vor sich selbst abgibt. Heutzutage würde man ihm wahrscheinlich eine handfeste Bindungsunfähigkeit attestieren:

„Nun bedenke Felice welche Veränderung durch eine Ehe mit uns vorginge, was jeder verlieren und jeder gewinnen würde. Ich würde meine meistens schreckliche Einsamkeit verlieren und Dich gewinnen, die ich über allen Menschen liebe. Du aber würdest Dein bisheriges Leben verlieren, in dem Du fast gänzlich zufrieden warst. Du würdest Berlin verlieren, das Bureau, das Dich freut, die Freundinnen, die kleinen Vergnügungen, die Aussicht einen gesunden lustigen guten Mann zu heiraten, schöne gesunde Kinder zu bekommen nach denen Du Dich, wenn du es nur überlegst, geradezu sehnst.“

Was soll man auf so einen Brief antworten? Für eine Ehe mit Franz wäre Felice bereit, ihre Stelle zu kündigen und nach Berlin zu ziehen, es ist schließlich erst 1913, da hat man als Frau wenige Alternativen. Doch dazu kommt es nicht, denn die beiden entloben sich – unter Zeugen ganz offiziell im Hotel Askanischer Hof in der Nähe des Potsdamer Platzes -, nur um sich nach einer Weile Funkstille erneut zu verloben. Und dann doch nicht zu heiraten. Was für eine Odysse!

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Oh Franzl…

Wie lässt man eine derart unglückliche Liebesgeschichte nach so vielen Jahren aufleben, wenn man nur eine Seite der Korrespondenz hat? Offensichtlich hat Franz Kafka die Briefe von Felice Bauer vor seinem Tod verbrannt, nur die Blätter an seine Teilzeit-Verlobte Felice sind erhalten geblieben – Unda Hörner musste also durchaus mal ihre Phantasie spielen lassen. Indem sie aus der Perspektive von Felice schreibt, webt die Autorin das Porträt eine jungen Frau, die für die Zeit um den 1. Weltkrieg erstaunlich selbstsicher und emanzipiert wirkt, aber auch mit den Zweifeln und Hoffnungen zu tun hat, die man oft vorschnell als „weibisch“ abtut. Das gelingt ihr dank einer einfühlsamen, aber auch humorvollen Schreibweise vorzüglich.

Durch die Augen der einmal gehörnten und einmal entlobten Frau versucht man zu verstehen, was Felice Bauer derart an Franz Kafka faszinierte: diesem Mann, der im Briefe schreiben zwar höchst romantisch, in persönlichen Begegnungen aber schüchtern und abweisend war und sie überdies mit seinen kryptischen Texten vor ein Rätsel stellte. Wenn sich jemand solche grausigen Geschichten ausdenken kann – was kann man von so einem noch erwarten? fragt sich Felice an einer Stelle. Am Ende zieht sie erneut die Reißleine. Der Rest ist Geschichte.

Unda Hörner
Kafka und Felice
ebersbach & simon, 2017
Gebunden, 336 Seiten, 20,-€
ISBN 978-3-86915-152-6

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