Frauen am Bauhaus: „Blaupause“ von Theresia Enzensberger

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Eine junge Frau studiert am Bauhaus in Weimar und Dessau: Theresia Enzensberger erweckt in „Blaupause“ die 1920er Jahre zum Leben.

Nehmen Sie das Material in die Hand. Genau, so. Und jetzt schließen Sie die Augen. Wie fühlt sich das an? Versuchen Sie, dieses Gefühl so weit zu verinnerlichen, dass Sie es zeichnen können.

Als Luise 1921 in der Klasse von Johanes Itten am Bauhaus in Weimar landet, hat sie streng genommen wenig Ahnung: von Kunst, von Selbstverwirklichung, von Liebe. Wie ein Küken, das gerade erst aus dem Nest gefallen ist, läuft sie mit großen Augen über den Campus der Universität – diese war erst zwei Jahre zuvor mit der Hintergrundidee, Kunst und Handwerk zusammenzuführen, gegründet worden. Dass ihr strenger Vater ihr das Studium überhaupt erlaubt, begründet er mit der vorhandenen Webwerkstatt – da werde seine Tochter schon etwas vernünftiges lernen, was man als Frau gebrauchen kann.

Schnell findet sie Anschluss an die Schüler Ittens, die sich wie eine Schar Jünger verhält und in speziell angefertigten Kutten herumläuft, regelmäßig fastet, Atemübungen praktiziert und sich vegetarisch ernährt. Luise macht all das zwar mit Widerwillen mit, doch irgendwo dazugehören muss man ja, oder? Und außerdem ist da noch der schöne Jakob mit den blonden Locken, der ihr den Kopf verdreht hat!

bauhausUm junge Männer geht es auch im Laufe der Geschichte immer wieder, erst Jakob, dann Friedrich, später auch Hermann am Bauhaus in Dessau, wo Luise – nachdem ihr Vater sie in Weimar ab- und in einer Berliner Haushaltsschule angemeldet hatte – sich nach ein paar Jahren Pause erneut einschreibt.

Und damit zeigt sich bereits eine erste Schwachstelle des Romans: Als Leser erwartet man die Geschichte einer jungen Frau, die in der enthusiastischen und gleichzeitig abgeklärten Zeit nach dem ersten Weltkrieg ans Bauhaus kommt, um hier gemeinsam an einer neuen Ordnung von Gesellschaft, Kunst und Leben zu arbeiten. Stattdessen schlingert die backfischhafte Luise von einer Herzschmerzgeschichte in die andere und das immer aus der Ich-Perspektive im Präsens geschrieben, mit voller Wucht unmittelbar und unreflektiert – und stellenweise leider nur schwer erträglich.

Viel zu selten schleichen sich auch kritische Gedanken in den Kopf der Protagonistin: Wird ein Kunstwerk nicht entehrt bzw. zu wenig gewürdigt, wenn es in Massenproduktion gefertigt wird? Wieso nimmt Walter Gropius sie – die sich als aufstrebende Architektin betrachtet – mit ihren gestalteten Grundrissen von Neubausiedlungen eigentlich nicht ernst? Weshalb beschäftigen sich die Itten-Jünger mit Fasten, wenn die Menschen im Rest des Landes nicht genügend zu essen haben? Und welche Gefahr geht von Menschen aus, die gegen Juden hetzen? Doch ihre Reflektionen gehen selten tiefer als das Nachdenken über die Frage, ob Jakob/Friedrich/Hermann wohl auf dem nächsten Laternenfest auftauchen werden.

Ich bin so weit weg von den Menschen, die in diesem Moment dort herumlaufen, am Webstuhl sitzen, in der Kantine anstehen, über die Zukunft streiten und in den Zimmern trinken und feiern. Ein neuer Mensch, das war das Ziel. Bewegt und geprägt durch die neuen Formen, die ihn umgeben. Aber wie soll das möglich sein, wenn diese Formen doch immer nur von den alten Menschen mit all ihren Fehlern und Mängeln geschaffen werden können?

Die Idee, die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause nachzuzeichnen, die sich in einem von Männern dominierten Umfeld zu behaupten versucht, ist an sich eine sehr interessante. Doch Theresia Enzensberger wirkt an manchen Stellen des Buches allzu bemüht: Wenn Luise auf dem Campus zufällig ein Gespräch von Komilitonen über ein tagesaktuelles politisches Ereignis aufschnappt, auf das dann aber nicht weiter eingegangen wird oder wenn in knappen Sätzen zeitgeschichtliches Kolorit dazwischen geschoben wird; dann scheint es fast, als habe die Autorin eine Liste mit Merkmalen der 1920er Jahre vorliegen gehabt und nach und nach abgehakt. So wirkt der Text teilweise eher hölzern statt flüssig – was verstärkt wird dadurch, dass Luise wie „ein Fähnlein im Winde“ ihre Meinung ändert und sich denen anpasst, mit denen sie – böse gesagt – gerade in ihr schmales Einzelbett hüpft.

Dies alles mag gewollt sein, unterstreicht es doch immer wieder die Naivität Luises und beschreibt den Kampf, den man als Frau damals wohl ausfechten musste, wenn man zwischen selbstbewussten Männern studieren und etwas verändern wollte. Als Leser taucht man damit auch sehr leicht in die Geschichte ein, lässt sich von den atmosphärischen Beschreibungen der Bauhaus-Schulen einspinnen und wähnt sich selbst vor Ort – doch einige Fragen und ein leichtes Gefühl der Oberflächlichkeit bleiben zurück und hinterlassen ein kleines Geschmäckle.

Theresia Enzensberger
Blaupause
Hanser Verlag, 2017
Gebunden, 256 Seiten, 22,.€
ISBN 978-3-446-25643-9

Foto: Wikimedia Commons / Mewes

3 Kommentare

  1. Danke fürs Vorstellen, liebe Julia – wäre sonst gewiss an mir vorbei gegangen . Auch wenn Dir die weibliche Protagonistin vielleicht nicht revolutionär genug erscheint, ist sie vielleicht gerade deshalb; für ihre Zeit revolutionär genug? Habs (noch) nicht gelesen, doch ich ziehe es durchaus in Erwägung. Viele Grüße, Daniela

    • Fräulein Julia

      Naja, es flammt immer mal wieder ein bisschen „Revolution“ auf, doch das geht meist schnell in den Männergeschichten unter. Das ist ja mein Hauptkritikpunkt.

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