Frühlings Erwachen

Am 24. Juli jährt sich der Geburtstag des Literaten Frank Wedekind zum 150. Mal – ein guter Grund, sich noch einmal seinen Klassiker „Frühlings Erwachen“ vorzunehmen. Im kunstanst!fter Verlag ist zu diesem Anlass eine ganz besonders schöne Ausgabe erschienen.

Habe ich dieses weltbekannte Drama zu Schulzeiten oder während meines Germanistik-Studiums zum ersten Mal gelesen? Ich weiß es nicht mehr, doch erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie ergreifend ich den Text fand.  Wedekind zeichente die Charaktere so tiefgreifend, dass ich gar keine Bilder brauchte, um sie in voller Farbe vor meinem inneren Auge zu sehen.

Doch wie schön es sein kann, in literarischen Klassikern manchmal auch die passenden Zeichnungen zu finden, zeigt besagte neue Ausgabe von Frühlings Erwachen, die durch Roberta Bergmann mit liebevollen Illustrationen versehen wurden und so der Vorstellungskraft gewissermaßen eine Räuberleiter anbietet.

rezension_fruehlingserwachen_coverStrohblond und mit hochgeschlossenem Kleid blickt Wendla Bergmann den Leser aus dem Personenregister an, welches schon allein durch die gemalten Charaktere (sonst ist es ja meist nur eine Namensliste) zu einer der besten Seiten des Buches zählt. Neben Wendla steht Melchior, mit seltsam gleichgültigen Blick, die Hände in den Taschen. Ob er sich bewusst ist, dass er Wendla geschwängert hat? Seine Eltern – die Mutter mit weitem Dekolletè, der Vater mit „Vatermörder“-Krawatte, sehen nicht so aus, als würden sie sich um die Belange, geschweige denn die Aufklärung ihres Sohnes kümmern.

Und erst die Gymnasialprofessoren! In ihren Namen – die Herren heißen Knochenbruch, Affenschmalz, Hungergurt, Fliegentod, Knüppeldick und Zungenschlag – zeigt sich, dass der Autor für das wilhelminische Schulsystem und seine Doktrinen wohl herzlich wenig übrig hatte. Roberta Bergmann lässt die Namen sprechen und spart nicht an Hakennasen, Monokeln, buschigen Augenbrauen und Schnurrbärten; ganz im Stile der damaligen Zeit, durchsetzt mit Anklängen an den Jugenstil. Herrlich!

Es ist eine „Kindertragödie“, die Frank Wedekind 1891 schrieb und die – nicht ohne großes Geschrei prüder Zeitgenossen – erst 1906 zum ersten Mal auf die Bühne gebracht wurde. Selbstmord, Onanie, unehelicher Sex und eine daraus resultierende Schwangerschaft – und das alles bei Kindern, die mitten in der Pubertät stecken? Skandal! Doch auch wenn der Autor Zeit seines Lebens so einige gerümpfte Nasen und hochgezogene Augenbrauen aushalten musste, hat er einen Klassiker erschaffen, den es sich immer wieder zu lesen lohnt.

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie. Mit Illustrationen von Roberta Bergmann. kunstanstifter verlag, 2014. 96 Seiten, 24,50 €. ISBN: 978-3-942795-16-6

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1 Kommentare

  1. Schon auf den ersten Blick gefällt es mir gut. Hier im Deutschunterricht, aber welche Klasse, keine Ahnung. 😉

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