Heute hier, morgen dort: „Sommernomaden“ von Marianne Jungmaier

sommernomaden

Ruhelos reist die Erzählerin aus Marianne Jungmaiers Buch „Sommernomaden“ um die Welt, auf der Suche nach der nächsten Liebschaft, der Erleuchtung und sich selbst.

„Das Herkunftsland von jemandem zu wissen ist unerlässlich, wenn man reist. Es ist ein Teil des Reiseführers für Fremde, dem ungeschriebenen Atlas der Unbekannten, die man einmal Freunde nennen wird. […] Benutzt man diesen Reiseführer, kann man sichergehen, das richtige Land zu entdecken. Mit dem richtigen Menschen Zeit zu verbringen.“

Die Erzählerin aus Marianne Jungmaiers Buch Sommernomaden – deklariert als „Stories“, geht es aber durchaus auch als Roman durch – ist rastlos: Sie reist von Indien über Venedig und Belgrad nach Berlin, dann weiter nach London, Island, Schottland und Brasilien, bevor sie wieder in ihrem Herzensland Indien ankommt. Sie trinkt Wein, schaut in den Sternenhimmel, quatscht die Nächte durch und teilt ihre vorübergehende Schlafstätte mit verschiedenen Männern, nimmt Drogen, tanzt, raucht und schläft bis in den Mittag hinein. Sie braucht wenig, erwartet nichts – vor allem keine Treueschwüre und kein Wiedersehen.

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Und doch, bei aller Freiheit, die so ein Nomadenleben mit sich bringt, schimmert gelegentlich eine leichte Einsamkeit durch die Zeilen:

„Ich halte mich an meiner Handtasche fest, die mit Büchern gefüllt und viel zu schwer ist, und schieße ein Fotos meines Kaffees, mit einer Palme im Hintergrund. Ich schicke dieses dann ins Internet, um mich nicht allein zu fühlen. Die ersten zwanzig Likes geben mir tatsächlich ein Gefühl der Verbundenheit. Es hält so lange an, bis das Gratis-Internet ausgeschaltet wird.“

Doch wohnt und ruht man in sich selbst, dann ist man eigentlich nicht angewiesen auf die Bestätigung durch andere. Dann führt man zeitlose, bedingungslose Freundschaften, die auch tausende von Kilometern Distanz und etliche Jahre der Funkstille aushalten. Dann ist man sich selbst genügend.

So klingen die Geschichten in Sommernomaden, die Marianne Jungmaier mit einer ganz besonderen Art des Schreibens zu Papier gebracht hat. Wir spüren die Rastlosigkeit, das Suchen-und-trotzdem-nicht-Finden, gleichzeitig eine eigentlich gegensätzliche innere Ruhe und Genügsamkeit. Ein Buch wie Balsam für die Seele eines jeden Reisenden, der dieses Gefühl kennt, aufbrechen zu müssen – mit unklarem Ziel…

Marianne Jungmaier
Sommernomaden
Kremayr Scheriau, 2017
Gebunden, 192 Seiten, 19,90€
ISBN: 978-3-218-01046-7

Foto: Brooke Cagle

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