In der Ruhe liegt die Kraft: „Stille“ von Erling Kagge

Was ist Stille? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Erling Kagge versucht sich in seinem Buch „Stille. Ein Wegweiser“ an dreiunddreißig Antworten.

Dieses Buch, das sei vorab verraten, funktioniert am Besten, wenn es still ist. Damit meine ich nicht die völlige Abwesenheit von Geräuschen – denn wo findet man das heutzutage überhaupt noch? – sondern in einer Atmosphäre der Ruhe. Mich begleitete der Wegweiser von Erling Kagge auf ein uriges Schloss in Südfrankreich, wo ich, umgeben vom Gesumme der Bienen, dem Rauschen der Bäume und in der Ferne bimmelnden Kuhglocken ein paar angenehm warme Spätsommertage genießen durfte.

„Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung. Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stile diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe.“

Stille in mir selbst – obwohl doch mein Kopf den ganzen Tag munter vor sich hinplappert, der innere Kritiker mit Vorwürfen um sich haut und „Was-dringend-getan-werden-muss“-Listen rot blinkend vor meinem inneren Auge auftauchen? Wie soll ich da bitteschön Stille finden?

Kagge hat es versucht, er versucht das überhaupt schon seit einigen Jahren: Klettert mit einem Freund verbotenerweise auf die Golden Gate Bridge und geht auf in dem ohrenbetäubenden Rauschen des Verkehrs, wandert durch die Kanalisation New Yorks oder – sicherlich seine eindrücklichste Erfahrung – völig allein und zu Fuß zum Südpol. Doch mit der Abwesenheit des täglichen Lärms werden die Gedanken laut, sie können regelrecht brüllen und man beginnt damit, gegen sie anzukämpfen. Oder man hört ihnen zu, leiht ihnen ein Ohr, nimmt sie wahr – aber nicht unbedingt übertrieben ernst.

Stille kann ohrenbetäubend laut sein und Unangenehmes zutage fördern, deswegen lenken wir uns ab, wann immer es geht. Greifen jede Minute zum Smartphone, um uns zu zerstreuen, warten auf Nachrichten, die vielleicht nicht kommen, suchen nach Bestätigung in den sozialen Medien. Für viele Menschen bedeutet Stille eine Bedrohung. Kagge erzählt von Experimenten, in denen Probanden – für eine Viertelstunde in einen geräuschlosen, ablenkungslosen Raum gesetzt – sich willentlich einen Stromschlag versetzten, nur um aus dieser für sie höchst unangenehmen Situation entlassen zu werden. Brauchen wir Lärm? Oder macht er uns nicht womöglich auf die Dauer ganz schön zu schaffen?

stille

„Ich glaube, es gibt überhaupt nur wenig Menschen, die sich dem ganzen Lärm anpassen können. Ja, wir lernen, mit dem Lärm zu leben, weil wir meinen, dass wir es müssen, aber Lärm ist und bleibt ein Moment der Unruhe, der die Lebensqualität reduziert.“

Die Tür hinter sich zuzuziehen und die Welt außen vorzulassen, das geht auch mit einer imaginären Tür, ist Kagge überzeugt und ich ebenfalls: Wann immer ich es brauche, ziehe ich mich in mich selbst zurück, klinke mich aus Gesprächen aus, lasse die Elektronik zuhause und bin nicht erreichbar. Gehe im Wald oder in den Straßen Berlins spazieren, horche auf die kleinsten Geräusche und vor allem die Nicht-Geräusche dazwischen. Bin für mich allein, obwohl von unzähligen Menschen umgeben.

Dreiundreißig Miniaturen, Gedanken, Erlebnisse und Geschichten vereint Erling Kagge in diesem Büchlein, welches bereits durch den weißen Umschlag mit der dünnen, schwarzen Schrift auf dem Cover eine Ruhe ausstrahlt, die deutlich macht: Dieses Buch ist etwas für besondere Momente. Momente, in denen man bereit ist, über den eigenen Umgang mit Lärm, über das persönliche Bedürfnis nach Stille und die Möglichkeiten, diese im Alltag (auch in der Großstadt) zu finden, nachzudenken.

Am nächsten Morgen, nachdem ich das Buch beendet hatte, wurde ich sehr früh vom Regen geweckt. Ich lief barfuß in den Garten hinaus, fühlte das nasse Gras unter meinen Füßen und tauchte ein in eine körperlich fühlbare Stille mit Blick auf die Pyrenäen. Und merkte: Stille ist in unserer Zeit ein Luxusgut geworden – aber viel wertvoller als jedes glitzernde technische Gerät.

Erling Kagge
Stille. Ein Wegweiser
Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Insel Verlag, 2017
Gebunden, 144 Seiten, 14,-€
ISBN 978-3-458-17724-1 

1 Kommentare

  1. Stille scheint uns heutzutage wirklich sehr schwer zu fallen. Ich selbst habe auch immer Musik an, wenn es keine anderen Geräusche gibt und finde es schon fast komisch, mal nichts zu hören. Man sucht tatsächlich eher nach einer Ablenkung als mal auf seine Gedanken zu hören oder einfach mal gar nichts zu denken und zu hören, sondern einfach nur zu sein.

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