Nachgefragt: Ein Gespräch mit Ada Dorian

Ada Dorian

Der Ullstein-Verlag hat die neue Reihe „Ullstein fünf“ entwickelt – und Ada Dorian macht mit ihrem Roman „Betrunkene Bäume“ den Anfang. Ohne zu übertreiben kann ich sagen: Eins meiner Lesehighlights des Jahres (und das, obwohl erst Februar ist!). Im Rahmen eines Nachmittags im Verlagshaus hatte ich kürzlich die Gelegenheit mit Ada über ihren Roman zu sprechen.

Wenn deine beiden Hauptfiguren Erich und Katharina ein Baum wären, welcher wären sie dann?

Ada Dorian: „Ich habe seit kurzem einen Garten und dort stehen viele alte Obstbäume. Als ich dorthin gezogen bin, dachte ich, ich müsste sie fällen und neu pflanzen, weil sie total kaputt waren. Sie waren völlig knorrig, die Borke ging ab, es waren kaum Äpfel dran – es ging ihnen wirklich schlecht. Ich habe mich dann beraten lassen und habe diese Bäume innerhalb von zwei Jahren aufgepäppelt. Und ich glaube Erich wäre genau so ein Baum: ein alter Obstbaum, der vernachlässigt wurde und der eigentlich nur Wasser und Pflege braucht, dann wieder zu vollem Leben zu erwachsen.
Und Katharina wäre auf jeden Fall ein ganz dünner Baum – egal welcher Art. Ein Baum, der sich im Wind unheimlich stark biegt, der leidet, wenn das Wetter sehr schlecht ist, weil er dann in alle Richtungen gedrückt wird“

Katharina hat ihren Halt komplett verloren, weil der Vater die Familie verlassen hat. Sie wird rastlos durch die Stadt getrieben und schaut, wo sie sich neu verwurzeln kann. Während Erich schon allein durch die Bäume in seinem Schlafzimmer in seiner Wohnung verwurzelt ist – ihm hingegen droht die Entwurzelung durch den Umzug in ein Pflegeheim. Das der Titel „Betrunkene Bäume“ so eine treffende Analogie auf die Hauptfiguren ist, darauf bin ich als Leserin ehrlich gesagt erst später gekommen. Das Phänomen der „Betrunkenen Bäume“ kanntest du schon vorher – was war denn zuerst da, die Faszination an diesem Begriff oder die Idee zu Erich und Katharina?

Ada Dorian: „Ich glaube tatsächlich, dass diese Geschichte mit Katharina und Erich ganz parallel mit dem Bild der betrunkenen Bäume entstanden ist. Den Begriff kenne ich schon viel länger, aus dem Erdkundeunterricht. Aber das Katharina und Erich damit verknüpft sind, dass war relativ am Anfang klar, bei den ersten Überlegungen. Viele kennen den Begriff tatsächlich gar nicht. Ich wurde oft gefragt, wie ich denn darauf gekommen bin und war dann immer überrascht.“

ada dorian

Du hast erzählt, dass deine Familie zu großen Teilen aus Osteuropa stammt – Russland, Tschechien etc. -, darüber aber nicht geredet wird und sich auch kulturell oder z.B. in Essgewohnheiten nichts davon zeigt. Ist dein Roman deine Art gewesen, über deine familiären Hintergründe zu forschen oder sogar aufzuarbeiten?

Ada Dorian: „Für mich ist das ein großes Thema, ein roter Faden, der sich von meinen ersten Projekten bis heute durchzieht. Ich suche nach einer Art Gemeinschaftsgedächtnis. Egal ob Erlebnisse und Geschichten direkt in der Familie weitergegeben wurden oder ob man darüber geschwiegen hat, finde ich die Frage wichtig, ob diese trotzdem irgendwie noch „mitschwingen“. Es ist nicht so sehr ein Forschen, denn dann würde ich mich ja an konkreten Objekten bzw. Familienmitgliedern orientieren, und das ist in manchen Fällen gar nicht möglich. Aber ich taste mich ab auf die Frage: „Was ist da eigentlich?““

Du bist in Norddeutschland aufgewachsen und lebst in Osnabrück. Wieso hast du dir für deinen ersten Roman Berlin als Schauplatz ausgesucht?

Ada Dorian: „Berlin ist für mich ein wichtiger Knotenpunkt wenn es um die Beziehung bzw. um den deutschen Blick auf Russland geht. Als wenn ich durch ein Fernglas gucken würde – ich schaue aus Berlin in Richtung Osten. Ich möchte nicht aus russischer Sicht über Russland sprechen, sondern aus diesem Blickwinkel von Berlin aus darüber sprechen.“

In deinem Video zum Bachmann-Preis sagst du, dass du eine Form gefunden hast, über dich zu erzählen und auch wieder nicht. Wie viel Ada steckt denn im Roman?

Ada Dorian: „Es sind alles Herzensthemen, die mich unglaublich beschäftigen, berühren und zwar so sehr, dass sie über Jahre in mir kreisen. Da geht es um ganz viel zwischenmenschliches. Wie verhält man sich in bestimmten Momenten? Und wo ist eigentlich der Punkt, an dem Dinge entschieden werden, Wege eingeschlagen werden? Katharina und Erich hatten ja beide die Möglichkeit, offen zu sagen: Mir geht es nicht gut. Aber sie tun es nicht und bringen sich damit in Schwierigkeiten. Und diese Scheidewege, diese Momente, an denen etwas schief läuft – das interessiert mich.“

Vielen Dank für das Interview!

Meine Besprechung des Romans „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian lest ihr hier.

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