Spiel mir das Lied vom Tod: „Applaus für Bronikowski“

Vor 10 Jahren ließ ich mir den Debutroman „Am Dienstag stürzen die Neubauten ein“ von Kai Weyand signieren. Nun habe ich seinen neuen Roman hier liegen – „Applaus für Bronkowski“ – und konnte schon nach wenigen Seiten sagen: er ist seinem Stil treu geblieben!

Worum geht es? Nies – eigentlich heißt er Jan, aber der Spitzname aus seiner Jugend begleitet ihn noch immer – ist 31 und per definitionem erwachsen. Doch was heißt schon erwachsen? Anstatt sich einen ordentlichen Beruf zu suchen und eine Familie zu gründen, wirft er bei Nacht und Nebel Eier an die gegenüberliegende Hauswand, kündigt seine Jobs in regelmäßigen Abständen und mit den Frauen sieht es auch nicht so rosig aus. Aber was kann man schon erwarten von einem Jungen, dessen Eltern eines Tages – nachdem sie überraschend im Lotto gewonnen hatten – ihren beiden Söhnen aus heiterem Himmel eröffneten, dass sie demnächst nach Kanada auswandern werden – ohne die Kinder?

Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem sich Nies durch die Stadt treiben lässt und eine Bäckereifachverkäuferin mehr oder weniger dazu nötigt, ihm eine Empfehlung für eine Spaziergangsroute zu geben – sie weist ihn leicht überrascht in Richtung Holpenstraße. Eine Straße mit einem so unspektakulären Namen, was soll es da schon groß zu sehen geben?

Doch die kleine Holpenstraße wird Nies‘ Leben verändern: Magisch anzogen von dem Schaufenster eines Beerdigungsinstitutes, betritt er das Büro und bewirbt sich um eine Stelle. Hatte Nies jemals einen Toten gesehen, geschweige denn berührt? Sein Umgang mit dem Tod war bisher ein sorgloser gewesen, man beschäftigt sich ja eher selten mit diesem Thema und auf die Begegnung mit Leichen war er eigentlich auch nie scharf gewesen.

„Leiche“ sage man nicht, erklärt ihm Manfred, sein neuer Chef, denn dieser Begriff nehme dem Toten die Würde. Auch verstorbene Menschen hätten das Recht, ein letztes Mal gewaschen und hergerichtet zu werden:

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„[…] Ein toter Körper ist kein schlecht gewordenes Lebensmittel, das man entsorgt. Der Körper dient einem ein Leben lang so gut er kann und so gut man ihn lässt. Da wirft man ihn nicht weg wie verschimmeltes Brot, wenn er seine Schuldigkeit getan hat, sondern ehrt ihn durch eine letzte Waschung, gerade, weil er zu nichts mehr nütze ist.“
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Völlig unökonomisch, einen toten Körper zu waschen, bevor dieser in der Erde oder im Krematoriumsofen verschwindet, denkt Nies – und das es das schönste ist, was er seit langem gehört hat. Doch sein neuer Beruf wird von den anderen mit einem Stirnrunzeln bis hin zu echtem Ekel aufgenommen: „Entschuldige, aber tiefer kann man nicht sinken, oder? Hast du jemals im Fernsehen einen Bestatter gesehen, mit dem man befreundet sein will, geschweige denn mehr?„, schreibt ihm seine Ex-Freundin und beim Lesen frage ich mich, woher eigentlich dieses gesunde Misstrauen bzw. die Abscheu vor dem Beruf des Bestatters kommt? Ist es die Angst vor dem eigenen Tod, die da an die Oberfläche bricht, der Ekel vor dem Verwesen des eigenen Körpers, wenn dieser nicht mehr atmet?

Während Nies in dem Roman den Toten ihre Würde lässt, bringt der Autor das Berufsbild Bestatter mit ebenso viel Würde zu Papier. Aber Kai Weyand wäre nicht Kai Weyand, wenn das Ganze nicht mindestens einmal gehörig schief gehen würde: Die Tote wünschte sich eine Seebestattung, aber die Angehörigen wollen das nicht? Dann holen wir das Meer eben in den Trauerraum! Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, außer, dass dieser kleine und liebevoll verkorkste Roman aus der Frühjahrskollektion definitiv das Prädikat „Lesenswert“ erhält!

Kai Weyand: Applaus für Bronikowski. Wallstein Verlag 2015. Gebunden, 188 Seiten, 19,90€. ISBN: 978-3-8353-1604-1

Lesungen:
– 12. März 2015, 15.30 Uhr Leipzig, Messegelände, DIE UNABHÄNGIGEN, Halle 5 E309
– 13. März 2015, 19.30 Uhr Leipzig, Bestattungshaus Aaron Engel, Breite Straße

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