„Katie“ oder: Gibt es Geister wirklich?

Als Teenager haben wir uns mit Vorliebe Gruselgeschichten erzählt oder mit zweifelhaften Methoden (wo kam das Ouija-Brett her?!) versucht, Kontakt zur Geisterwelt herzustellen. Gemeint war das aber eher mit einem Augenzwinkern. Ob Florence Cook es ebenso humorvoll meinte, als sie im London der 1870er Jahre als Medium zur Berühmtheit gelangte? Christine Wunnicke – die Autorin mit Vorliebe für rätselhafte Geschichten – erzählt die Story namens „Katie“.

Ob aus Langeweile oder echten Fähigkeiten: Die junge Florence Cook übt sich in ihrem Zimmerchen im nebligen London des ausgehenden 19. Jahrhunderts an Fesseltricks. Sie schnürt sich mit Stricken und Seilen auf für Außenstehende schmerzhafte Weise zusammen – und schafft es doch immer wieder, heil aus der ganzen Sache herauszukommen.

Und sie kann noch mehr: Mit ihren zarten 16 Jahren hat es Florence zum bekanntesten „materialisierenden Medium“ der ganzen Stadt gebracht. Regelmäßig lässt sie sich im heimischen Wohnzimmer in einen Schrank einsperren, festgezurrt in Stricke und mit den langen Zöpfen an die Rückwand genagelt. Während das Publikum einen Hymnengesang anstimmt, kommt es zu Geistererscheinungen, die Florence materalisiert – oder ist das alles weniger Spuk als Unfug?

Als Mr Crookes, Wissenschaftler mit Haut und Haaren, von der ganzen Sache Wind bekommt, holt er das seltsame Mädchen zu sich ins Haus. Diese Erscheinungen muss man doch rational erklären können! Als die Erscheinungen zunächst aufhören, zweifelt Florence an sich selbst:

Alles wie Butter. Sie könnten mich in eine Schachtel verpacken und täten mir damit nicht weh. Nie hat mich einer fest genug gebunden. Darum kann es sein, dass ich alle betrüge. Ich gleite aus Fesseln hinaus und hinein wie ein Fisch. Es kann sein, dass jede Erscheinung, jede Emanation bei uns im Salon immer nur ich war. Nie ist es verhindert worden. Niemand wollte mir wehtun.

Doch dann erscheint Katie. Katie, diese stattliche, große Frau mit dem flatternden weißen Hemd, die – so erzählt sie – Jahrhunderte zuvor als Mann verkleidet durch England streunte, ungeliebte Ehemänner und Kinder beseite schaffte und sich grobschlächtig zu Vorteilen verhalft. Nun verzaubert sie Florence, aber auch Mr Crookes, seine andauernd schwangere Frau Nelly und seinen schusseligen Assistenten Pratt – könnte es eine gemeinseame Halluzination sein? Wo endet die Vorstellung?

Kurzweilig, grotesk, humorvoll

katieChristine Wunnicke, die mich schon mit Der Fuchs und Dr. Shimamura leicht verstört hatte, hat sich erneut ein Sujet zur Brust genommen, welches – so behauptet man – auf realen Ereignissen beruht. Oder auch nicht?

Letztendlich ist das egal, denn die Autorin verzahnt hier sturen Wissenschaftsdrang und unerklärbare Übersinnlichkeit mit einer grotesk-humorvollen, griffigen Schreibe, die das Lesen zu einem kurzweiligen Ereignis macht. Man hört nämlich nicht auf, bevor man nicht auf der letzten Seite angekommen ist!

Christine Wunnicke
Katie
Berenberg Verlag, 2017
Hardcover, 176 Seiten, 22,-€
ISBN 978-3-946334-13-2

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