Kreuzberg Blues: Berlin wird Festland

Foto: Flickr / Genial 23

„Das Berlin, Westberlin genaugenommen, wie wir das hier als ummauerte kleine Schatzinsel hatten, gibt es nicht mehr. Alles wird anders.“ Nicola Nürnberger hat mit „Berlin wird Festland“ einen Roman über die Zeit des Aufbruchs in Berlin Anfang der 90er geschrieben.

Christine ist aufgewachsen in einer hessischen Kleinstadt, nach dem Abitur hat sie ihr Grundstudium der Germanistik in Bayreuth absolviert – und nun soll es hinausgehen in die große Welt. In diesem Fall heißt das: Berlin! Es ist 1991 und durch die Stadt zieht eine dicke Narbe. Die Mauer ist erst vor knapp zwei Jahren gefallen, rein faktisch (und in den Köpfen sowieso!) steht sie aber an vielen Stellen noch, wenn auch sehr durchlässig. Der Ostteil der Stadt ist von bröckelnden Fassaden geprägt, während im Westteil der Stadt alles gemacht ist. Bis auf Kreuzberg: Die tote Ecke bzw. das Dead End rund um das Schlesische Tor (was man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann!) weist ebenfalls rußgefärbte Fassaden, verschachtelte, dreckige Hinterhöfe, Kohleöfen und Außenklo auf. Dass Christine ein Zimmer in einer Zweier-WG mit Gasetagenheizung und Innenklo gefunden hat, grenzt schier an ein Wunder. Und es ist trotzdem ein Abenteuer!

So abenteuerlich, dass sie fast jeden Abend eine neue Kneipe ausprobiert – und eines Morgens ohne Kleidung in einer dunklen Erdgeschosswohnung in der Cuvrystraße aufwacht. Langsam sickert ihre Erinnerung zurück in ihr alkoholgetränktes Gehirn: Stimmt, ohje, da war dieser Typ im „Wiener Blut“… Und jetzt? Heutzutage würde man den Menschen, mit dem man offensichtlich die Nacht verbracht hat (der sich aber nicht mehr in der Wohnung befindet) womöglich einfach googlen, ihn auf Facebook oder gar auf Tinder suchen.

Aber es ist ja 1991! Die Zeit, in der man sich noch mit einem Wahlscheibentelefon abmühte, welches mit Glück ein so langes Kabel hatte, dass man damit vor den neugierigen Eltern/Mitbewohnern in sein Zimmer verschwinden konnte. Man Verabredungen traf, die nicht mit mit dem Zusatz „Wir sprechen kurz vorher nochmal!“ versehen waren – denn Handys gab es ja auch noch nicht. Wie findet man so einen Typen wieder, an dessen Gesicht man sich nur grob erinnern kann?

Neben der Suche nach einem passenden Partner im Berliner Großstadtdschungel sind es ganz alltägliche Sorgen, die Christine auf dem Zettel hat: man müsste mal wieder die Eltern anrufen, das Referat für das Germanistik-Seminar will vorbereitet werden und es könnte nicht schaden, wenn sie sich mal einen Job zulegen würde. Doch Berlin funkt ihr immer wieder dazwischen mit seiner galanten Rotzigkeit:

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„Die Stadt und die in ihr lebenden Menschen umgaben einen so eng, dass es schwerfiel, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Vergaß sie hier nicht das, was sie selbst eigentlich wollte, die eigenen Ziele?“
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9783944122113Und dann diese ganze Weltpolitik: Die Mauer ist offen, aber die Menschen aus den beiden Ländern, von denen es eins von heute auf morgen einfach nicht mehr gab, nähern sich nur langsam an. Der Fremdenhass wächst, in den neuen Bundesländern brennen Asylantenheime, Neonazis sorgen dafür, dass Kriegsflüchtlinge (damals schwelte der Jugoslawienkrieg gleich um die Ecke) sich in Deutschland nicht wohlfühlen. Als Kreuzbergerin muss man da doch auf die Straße gehen, oder? Christine nimmt an Demos teil und verstrickt sich in leidenschaftliche Diskussionen über den aufkeimenden Rassismus, auch Monty – der Mann, der zunächst ein One-Night-Stand war – ist nicht nur emotional involviert. „Es war noch längst nicht alls Friede, Freude, Eierkuchen, das zeigte Abend für Abend das Fernsehen. Der Fremdenhass im Osten war beängstigend.“

Nicola Nürnberger, die selbst Anfang der 90er Jahre nach Berlin zog, hat einen Roman geschrieben, der sich locker flockig in einem Rutsch durchliest – nie verliert man auch nur kurz das Interesse, möchte im Gegenteil unbedingt weiter eintauchen in diese mit viel liebevollem Lokalkolorit gestaltete Geschichte, mehr über die Liebesgeschichte von Monty und Christine erfahren, mit dem Türken in der Eckkneipe auf der Wrangelstraße eine Raki trinken und Geschichten hören.

Vielleicht, weil beim Lesen – wenn man wie ich noch vor der Wende geboren wurde – so viele Erinnerungen wach werden? Unangenehme wie Angenehme: Die feindliche Asylpolitik in der Bundesrepublik, der Ausverkauf der DDR, Jugoslawienkrieg, Wählscheibentelefone, Karottenhosen und klapprige Golfs. Man kann das Buch fast wie einen „Zeitreiseführer“ in die Vergangenheit nutzen und es wie eine Schablone über die heutige Wirklichkeit im Wrangelkiez legen: Der Gemüsehändler „Bizzim Bakal“ ist noch da, ansonsten haben kaum Läden von damals überlebt, die Fassaden sind saniert und auf den Straßen ist immer etwas los. Man wünscht sich, Christine über den Weg zu laufen – 25 Jahre älter, mit Monty verheiratet – und sie zu fragen: „Nun erzähl‘ doch mal, wie ging es damals weiter, nachdem (West-)Berlin von der „Insel“ zum „Festland“ wurde?!“

Nicola Nürnberger: Berlin wird Festland. Open House Verlag, Leipzig 2015. 272 Seiten, 22 Euro. ISBN: 978-3-944122-11-3

Hier gibt es ein Interview mit Nicola Nürnberger über die Entstehung ihres Romans – und wie viel eigene Biographie darin steckt.

2 Kommentare

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