Kulturtipp des Monats: Benjamin und Brecht in der AdK

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Sie dachten in Extremen, diskutierten und spielten Schach: Die Akademie der Künste am Hanseatenweg zeigt eine Ausstellung über die Freundschaft von Walter Benjamin und Bertolt Brecht.

„[…] nur wenn wir diese Männer von ihren Podesten herunterholen und mit ihnen diskutieren, kann ihr Wert uns heute noch etwas sagen. Mehr denn je müssen wir heute mit ihnen arbeiten, nicht über sie.“ – so steht es neben einer Arbeit von Zoe Beloff, die in der kürzlich in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg eröffneten Ausstellung „Benjamin und Brecht. Denken in Extremen“ zu sehen ist. Sie ist eine von zehn Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen, die die Diskurse, mit denen Bertolt Brecht und Walter Benjamin sich Zeit ihres Lebens beschäftigt haben, in die Gegenwart holen. Und viele Themen davon, allen voran wohl Faschismus bzw. Rechtsextremismus, sind erschreckend aktuell.

Doch eigentlich geht es in der Schau, die zwei große Räume in dem charmanten Haus im Hansa-Viertel umfasst, vor allem um eins: Die Freundschaft zwei der wichtigsten Intellektuellen aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Walter Benjamin, Jahrgang 1892, und Bertolt Brecht, Jahrgang 1898, hatten sich zum ersten Mal 1924 kennengelernt. Benjamin hatte die Regisseurin Asja Lacis gebeten, ihn mit dem Literaten bekannt zu machen – doch Brecht war zunächst nicht interessiert. Wie gut, dass Benjamin hartnäckig blieb: Binnen weniger Jahre entspannte sich zwischen den beiden Herren eine intensive Freundschaft, die bis zum Freitod Walter Benjamins 1940 ungebrochen bestehen blieb.

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Wie stellt man eine Freundschaft dar?

Aber wie lässt sich eine Freundschaft in einer Ausstellung darstellen? Zunächst erwartet den Besucher ein großer Raum, in dem in von der Decke hängenden Holzrahmen wichtige Stationen der Dichter und Denker mitsamt Fotos aus der jeweiligen Zeit einen ersten Überblick über die Causa Brecht-Benjamin geben. An verschiedenen Hörstationen kommen Zeitgenossen zu Wort. In medias res geht es allerdings erst im zweiten Raum, fast schon einer Halle, die mit Relikten aus dem Benjamin’schen und Brecht’schen Leben und Ausschnitten der Korrespondenz der Beiden bestückt ist.

Wir sehen einen Bürstenabzug des für die Frankfurter Zeitung gedachten Feuilleton-Artikel Benjamins, Was ist das epische Theater?, über die radikale Neuerung des Schauspiels durch Brecht. Doch die FZ kam mit dieser neuen Form nicht klar und lehnte den Text ab. Eine Erstausgabe des Kafka’schen Klassikers Der Prozess aus dem Besitze Brechts harrt in der Vitrine, umgeben von Zitaten aus der Korrespondenz über dieses bahnbrechende Stück Literatur. Ebenso wie eine gerahmte Fotografie von Karl Marx und ein altes Schachbrett, beides ebenfalls aus dem Hause Brecht – letzteres höchst wahrscheinlich im Mittelpunkt der vielen Treffen mit Walter Benjamin. Denn nicht nur diskutierten die Beiden regelmäßig über Politik, Kunst und Gesellschaft – sie spielten vor allem viel Schach.

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Walter Benjamin las sehr viel – und listete gelesene Bücher in einem Notizbuch auf. / Rechts: Detail aus der Installation „Brecht-Benjamin-Passage“ von Thomas Martin, Irina Rastorgueva und Jakob Michael Birn

Was hat uns Brecht heute noch zu sagen?

Etwas angeklebt an die Ausstellung – gefühlt auch räumlich von den alten Exponaten der Ausstellung getrennt – greifen zeitgenössische Kunstwerke die großen Fragestellungen von Walter und Bertolt auf, darunter Arbeiten von Edmund de Waal, Steffen Thiemann und Alexander Kluge. Antworten bleiben sie schuldig, das ist gewollt – doch werfen sie bei dem, der sich nicht intensiv mit den Texten der beiden Hauptfiguren beschäftigt hat, nur noch mehr Fragen auf. Ein Verzicht auf diese Arbeiten hätte der Ausstellung nicht geschadet; denn auch wenn laut Organisatoren über allem die Frage stand, „Wie stellt man eine Freundschaft dar?“, so bietet gerade diese doch ausreichend Material für die Ausstellung, für die man sich eine Weile Zeit nehmen sollte – und die ihre fast schon haarsträubende Aktualität auch ohne flimmernde Video-Installationen entfaltet.

Die Ausstellung „Benjamin und Brecht. Denken in Extremen“ läuft vom 26. Oktober bis zum 28. Januar 2018 in der Akademie der Künste (Hanseatenweg). Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11-19 Uhr. Der Eintritt kostet 9€/6€, dienstags ab 15 Uhr freier Eintritt. Es gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm zur Ausstellung.

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