„Duell“: Kunst-Krimi aus Amsterdam

„Was passiert, wenn die Faust des Museumsdirektors ein 30 Millionen teures Gemälde durchschlägt?“Joost Zwagermann hat mit „Duell“ eine boshafte Novelle geschrieben, die den Kunstbetrieb mit all seinen absurden Regeln gehörig aufs Korn nimmt.

Wie kommt es eigentlich, dass manche Kunstwerke einen Wert in Millionenhöhe erreichen und andere kaum beachtet werden? Und warum werden diese Kunstwerke in dunklen Museen, unzugänglichen Privatsammlungen oder gekühlten Depots aufbewahrt, anstatt sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen? Emma Duiker betrachtet das als Ungerechtigkeit, die es zu ändern gilt. Eine Chance bietet sich ihr, als sie von Jelmer Verhoof, dem Direktor des Holland Museums in Amsterdam – aus dessen Perspektive die Novelle erzählt wird – eingeladen wird, an einer Gruppenausstellung teilnzunehmen.

Kurz bevor das Museum mehrere Jahre zwecks Umbau und Modernisierung geschlossen wird, zeigt man in „Duell“ eine Reihe zeitgenössischer Künstler, die sich jeweils mit einem Kunstwerk aus dem Depot auseinandergesetzt haben. Während die meisten „Jungspunde“ auf laute, Aufmerksamkeit heischende Installationen zurückgreifen (mit denen Jelmer Verhoff wenig anzufangen weiß: „Viele junge Künstler sind Installateure, die installierende Installatione installieren“), nimmt sich Emma Duiker das Gemälde Untitled No. 18, 1962 von Mark Rothko vor – und kopiert es in so beeindruckender Genauigkeit, dass selbst Kenner den Unterschied nur unter der Lupe erkennen.

Dann ist die Ausstellung zuende – und der Restaurator des Holland Museums stellt mit Schnappatmung fest, dass sich im Depot nicht mehr das Original, sondern die Kopie des Rothko befindet. Diebstahl, gewaltsame Angeignung, Skandal! So einen millionenschweren Rothko darf man doch nur mit Samt- bzw. Baumwollhandschuhen anfassen und außerdem muss er kühl gelagert werden! Das steht jetzt erstmal nicht zur Auswahl, denn Emma Duiker hat den echten Rothko mit einem ausgeklügelten System an Mithelfern auf Reisen durch Europa geschickt. Und warum genau?

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„Ich gebe Rothko den Menschen wieder“, erklärt sie und setzt zu einer harschen Kritik des Kunstsystems an: „Soll doch jeder sein Bestes geben, um allerlei Kunst, die nicht direkt an Kunst erinnert, ins Museum zu bekommen. Doch warum sollte man nicht einmal Kunst aus dem Museum hinaustragen? Warum sollte ein Künstler nicht einmal sein Bestes tun, um ein Meisterwerk aus den Ausstellungsräumen eines Museums zu befreien? Wäre das nicht so richtig irritierend?“
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KunstJelmer Verhoof kann die Theorie hinter der Aktion von Emma durchaus verstehen, findet sie sogar gut – doch weiß er gleichzeitig: wenn das publik wird – ihm, Jasper Verhoof, ist einfach so ein sündhaft teurer Rothko abhanden gekommen -, werden Köpfe rollen. Vermutlich zuerst seiner. Also macht er sich daran, in einer Tour de Force durch Slowenien das Gemälde zurückzuholen…

Vorweg gesagt: Ein herrliches Büchlein! Joost Zwagerman hat mit Duell eine wundervolle kleine Novelle, „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ zu Papier gebracht, die mich von der ersten Seite in den Bann gezogen hat. Man muss nicht im Kunstbetrieb gearbeitet haben, um die feinen und weniger feinen Sticheleien und Anspielungen auf die Absurditäten der Kunstwelt zu verstehen – die Idee, die Kunst einfach mal aus ihrem Museums-Kokon zu lösen und ihn unter die Menschen zu bringen, ist einfach erfrischend originell!

Joost Zwagerman
Duell
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Weidle Verlag, 2016
Broschiert, 160 Seiten, 17€
ISBN: 978-3-938803-81-3

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1 Kommentare

  1. Endlich hab ich die Novelle gelesen und bin wirklich begeistert. Danke für die Empfehlung! Wer noch nicht Rothko-Fan ist, kann es jetzt werden. Aber auch der jungen Wilden Konzeptkünstlerin Emma Duiker wünsche ich direkt ein Leben im Hier und Jetzt. Der Beltracci-Skandal bekommt hier eine kunsttheoretische Bass Line. Parallel zur Verwicklung um die Jagd nach dem Original habe ich natürlich Lust, Herrn Verhooff und Frau Duiker in (m)eine Literarische Mediation zu schicken, um zu sehen, was und wie sie verhandeln würden.

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