Lea Streisand: „Im Sommer wieder Fahrrad“

Lea Streisand

Lea Streisand ist erfolgreiche Lesebühnen-Autorin in Berlin, als sie eines Tages eine niederschmetternde Diagnose erhält: Sie hat Morbus Hodgkin, Lymphdrüsenkrebs. Damit sie in den folgenden Monaten ihrer Chemotherapie nicht den Verstand, die Lebenslust und vor allem ihrem Humor verliert, vertieft sie sich in die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, einer ehemaligen Schauspielerin. „Im Sommer wieder Fahrrad“ ist eine beeindruckende Geschichte von zwei starken Frauen, die zu manch einer (Lach-)Träne führt!

Was macht man, wenn man mit gerade mal 30 Jahren eine Krebsdiagnose erhält? Als sich Lea Streisand in dieser Situation wiederfindet, wirken die Worte der Ärztin zunächst wie ein schlechter Traum. So jung und schon Krebs? Und jetzt? Anstatt zu resignieren, beginnt Lea zu kämpfen, zieht mit Löwenkraft die Chemotherapie und Bestrahlung durch, nimmt den Verlust ihrer Haare mit Humor. Und rettet sich in die Geschichte ihrer verstorbenen Großmutter, die einst eine gefeierte Schauspielerin war und vor allem: störrisch, eigensinnig und stark.

lea streisand1912 geboren, umspannte das ereignisreiche Leben von Ellis Heiden fast ein ganzes Jahrhundert (und damit übrigens gleichzeitig fast die selbe Lebenszeit meiner eigenen Großmutter). Im ersten Weltkrieg aufgewachsen, war für Ellis schnell klar: sie will Schauspielerin werden. Keine wirklich ziemliche Beschäftigung für eine junge Dame dieser Zeit, aber was sich alles ziemte und was nicht, dass interessierte Ellis sowieso nie.

Nach Ende des zweiten Weltkriegs setzt sie Himmel und Menschen in Bewegung, um ihren halbjüdischen Liebhaber, der später ihr Ehemann werden sollte, aus einem Arbeitslager zu holen. Auch wenn sie später nicht mehr als Schauspielerin, sondern „nur“ als Regie-Assistentin arbeiten sollte, bleibt sie dem Theater ein Leben lang treu. Und ihre Eigenwilligkeit und die Fähigkeit, sich auch in Zeiten des Mangels durchzuwurschteln, behielt sie bis zum Ende.

Vom scheiß Krebs nicht die Laune verderben lassen

Lea ist beeindruckt von der Durchsetzungskraft ihrer Großmutter, die sie anhand von Briefen, Reisetagebüchern und Fotoalben rekonstruiert. Durchsetzungskraft hat Lea zwar auch selbst eine ganze Menge, wie man als Leser der autobiographischen Geschichte schnell merkt – doch in den dunklen Monaten, in denen Lea nicht weiß, ob sie jemals wieder auf einer Lesebühne stehen wird, kommt ihr jede Inspiration recht. Denn eins ist klar: Vom scheiß Krebs lässt sie sich nicht die Laune verderben!

Von Krebsgeschichten habe ich mich in den letzten Jahren mit großer Mühe ferngehalten, der Schmerz über den Verlust meines Vaters ist noch immer deutlich spürbar und ich möchte die Ereignisse ungern noch einmal – wenn auch in literarischer Form – durchleben. Doch dann „traf“ ich Lea, diese eigensinnige Frau, die in ihrem Text aus jeder Pore Leben ausstrahlt, auch wenn sie mit dem Tod kämpft.

Ihre noch junge und doch schon so ereignisreiche Lebensgeschichte hat sie mit so viel Widerspenstigkeit und Humor zu Papier gebracht, dass ich ebenso viele Tränen geweint wie gelacht habe. Sie nimmt den Leser mit durch die dunkelsten Stunden der Chemotherapie, hier wird niemand verschont, aber gemeinsam kann – und sollte! – man darüber schmunzeln. Ein ebenso berührendes und tiefsinniges wie kurzweiliges Buch, ein Buch mit Herz!

Lea Streisand
Im Sommer wieder Fahrrad
Ullstein Verlag, 2016
Hardcover, 272 Seiten, 20€
ISBN-13 9783550081309

3 Kommentare

  1. Ach. Auch ich halte mich von solchen Themen eher fern. Mein Vater hat Krebs. Wenngleich es einer der Art ist, mit dem man eher stirbt als dass man an ihm stirbt, steht dieses Thema dann unverrückbar und bedrohlich im Raum. Ob ich mich an dieses Buch rantraue? Es vielleicht sogar an meinen Vater weitergebe?

    • Fräulein Julia

      Nun, es ist ein sehr mutiges Buch auch ein Buch über den Mut: Dem Krebs den Stinkefinger zu zeigen, auch wenn man am liebsten nur noch heulen würde. Und es ist humorvoll,
      voller Lebensfreude. Der eigene Schmerz kommt hoch und raus und findet in dem Buch Trost – so war es bei mir.

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