Leidenschaft im Theater: „Der Mann in der fünften Reihe“ von Véronique Olmi

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„Theater, Theater, der Vorhang geht auf“: Der Mann in der fünften Reihe wirft die Schauspielerin Nelly aus der Bahn. Dieser Roman ist eine leise tönende Wucht.

Nelly ist Schauspielerin mit Haut und Herz und Haaren. Ihr ganzer Tagesablauf bewegt sich wie ein Strudel auf den Abend der Vorstellung hin:


Wenn ich spiele, habe ich vor allem Angst. Krank zu werden. In der Metro steckenzubleiben. Meinen Text zu vergessen. […] Der Moment der Vorstellung löscht alle anderen aus, saugt sie ein wie ein schwarzes Loch. Der Tag ist eine ständige Spannung hin zu diesem Lichtmoment.

Doch nun sitzt Nelly seit Stunden in einer Bahnhofshalle, verzweifelt, mutlos und niedergeschmettert. Was ist passiert? Wieso vergaß sie während der Aufführung ihren Text, ihre Mimik, die Kontrolle über sich selbst? Schuld daran ist der Mann in der fünften Reihe, dieser Mann, „dessen Namen ich seit sechs Monaten verschweige, dessen Existenz ich verleugne. Seine Anwesenheit, die meine vernichtet.“

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Also mal wieder die Liebe. Die hält sich ja für gewöhnlich nicht an Regeln und überrollt die „Betroffenen“ oft wie eine Dampfwalze ohne Taktgefühl. Auch Nelly war unter diese Dampfwalze geraten, die sich da aber eher noch wie zartes Federstreicheln anfühlte und in Form einer Affäre mit einem verheirateten Mann daherkam. Der Mann, der ihr kurze Zeit später das Herz brach, zurückkehrte, den „Ausrutscher“ beendete und nun in der fünften Reihe des Theatersaals sitzt und Nelly aus dem Konzept bringt. Doch eine Liebe und ein Theaterstück haben immer mehrere Akte – und der letzte Akt ist in diesem Fall noch nicht aufgeführt worden…

Diese Liebe trug die Verheißung ihrer Zerstörung in sich, wir haben uns getrennt, und jeder trug in seinem Maul einen Teil des anderen, ein Stück seines Leibes und seiner Seele davon.

Es ist ein schmales Bändchen Literatur, welches die 1962 in Nizza geborene Autorin Véronique Olmi hier vorgelegt hat. Doch diese 112 Seiten entfalten eine enorme Sprengkraft: Jede einzelne Seite ruft ein Bild von Seidenstrümpfen und lasziv gerauchten Zigaretten, verschmierter Schminke, tastenden Fingerspitzen auf der Haut und bis in die letzte Faser knisternde Verzweiflung hervor.

Obwohl ausschließlich aus der Innensicht der Protagonistin Nelly erzählt, entwickelt sich eine zarte Erotik, die trotz der Ausweglosigkeit der beschriebenen Liebe nicht aufhört. „Warum vereinigen wir uns mit Menschen, die uns lieben und uns irgendwann in Fetzen zurücklassen?“ Wer schon einmal mit Herzblut geliebt hat, obwohl diese Liebe keine Zukunft hatte, dem wird diese Erzählung unter die Haut gehen. Denn ist es nicht so, dass es am Ende nur darum geht, nach dem letzten Akt mit Würde von der Bühne zu treten?

Véronique Olmi
Der Mann in der fünften Reihe
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Verlag Antje Kunstmann, Februar 2017
Hardcover, 112 Seiten, 18,.€
ISBN 978-3-95614-167-6

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