„Low Carb Fucking“ und „Selfies“: Netzkultur #3

“Schau mir in die Pixel, Baby” und “Chatroulette Begegnungen” von Katalin Pöge, oberes Foyer © Berliner Festspiele / Ivar Veermäe
Nikola Richter (Kuratorin Netzkultur) im Gespräch mit dem New Yorker Autor Tao Lin © Berliner Festspiele / Ivar Veermäe

Nikola Richter (Kuratorin Netzkultur) im Gespräch mit dem New Yorker Autor Tao Lin © Berliner Festspiele / Ivar Veermäe

„Es gibt nichts furchtbareres und langweiligeres als perfekte Menschen“, ist Miriam Meckel überzeugt. Doch warum inszenieren wir im Internet unser Leben genau so – als sei es perfekt? Unter anderem darüber drehte sich die Netzkultur #3, die am Samstag im Haus der Berliner Festspiele stattfand.

Das war’s: Die dritte Ausgabe der „Netzkultur“ ist vorbei und mit ihr die Serie im Haus der Berliner Festspiele. Eine Fortsetzung wäre wünschenswert, denn auch am vergangenen Samstag kamen wieder zahlreiche netzaffine Menschen und „Digital Natives“ nach Wilmersdorf, um sich in Vorträgen, Diskussionen und Workshops über digitale Realität und digitale Identitäten auszutauschen. Es ging um Selbst-Optimierung, „Selfies“, Künstlernamen, Nutzungsrechte in der Kulturproduktion und digitaler Identität. Online-Selbst und Offline-Selbst: Handelt es sich dabei um zwei verschiedene, vielleicht sogar gegensätzliche Konstrukte oder sind sie in großen Teilen deckungsgleich? Wird sich das Internet immer mehr Platz in unserem Leben erstreiten bzw. die Kontrolle irgendwann ganz übernehmen?

„Spuren von sich im Netz zu löschen, ist schwierig bis unmöglich“, so Kuratorin Nikola Richter in ihrer Eröffnungsrede. Frei nach dem omnipräsenten Spruch von Richard David Precht müssen man heutzutage fragen: „Wer bin ich und wenn ja, wie lange?“ Jeder, der – und sei es nur gelegentlich – einen Browser öffnet, hinterlässt einen digitalen Fußabdruck, der existieren wird, bis das Internet irgendwann implodiert. Also sehr lange. Wir steuern mit voller Kraft voraus in die Vollvernetzung, wie auch bei der ersten Ausgabe der Netzkultur schon von Juli Zeh anschaulich beschrieben wurde – Milchtüte spricht mit Kühlschrank spricht mit Krankenkasse, die die Beiträge aufgrund ungesunden Kaffeekonsums erhöht. Was mir persönlich eher einen kalten Schauer den Rücken runter jagt (kommunizierende Milchtüten, hallo?!), ist für viele Menschen jetzt schon erwünschte Realität.

“Schau mir in die Pixel, Baby” und “Chatroulette Begegnungen” von Katalin Pöge, oberes Foyer © Berliner Festspiele / Ivar Veermäe

“Schau mir in die Pixel, Baby” und “Chatroulette Begegnungen” von Katalin Pöge, oberes Foyer © Berliner Festspiele / Ivar Veermäe

„Du musst besser werden!“

„Ego Updates“ bzw. „Self Enhancement“ nannte Miriam Meckel dies in ihrem Vortrag, der die Veranstaltung eröffnete. Es gibt Armbänder, die jeden Schritt messen, den man tut, die am morgen aufzählen, wie viele Stunden man geschlafen hat, wie oft man wach wurde, sich umgedreht hat. Sie können zu einem bewussteren und optimierten Umgang mit dem eigenen Körper führen – gleichzeitig schreien sie aber auch die ganze Zeit „DU MUSST BESSER WERDEN!!“ Ihr habt euch beim Sex zu langsam bewegt und viel zu wenig Kalorien verbraucht? In der neuen Welt nennt man das „Low Carb Fucking“! Durch die bereitgestellten und jederzeit abrufbaren Daten im Internet wird dieses zum Tagebuch der eigenen Unzulänglichkeiten.

Dass das Internet wie ein Spiegel ist, in den wir durch gezielte Selbstdarstellung das Bild von uns formen, das wir gerne hätten, ist nicht neu. Gleichzeitig verzerrt es die Wahrnehmung von Anderen: Soziale Netzwerke machen einer Studie zufolge einsam, ängstlich, selbstkritisch und vor allem neidisch. Die halbe Facebook-Timeline ist gerade in den Flitterwochen auf den Malediven oder hält den zuckersüßen Nachwuchs in die Kamera, während im eigenen Leben Stress im Job, grauer Winter und Müdigkeit vorherrschen? Deprimierend, genau.

Doch dieser Glaube, immer perfekt und besser sein zu müssen als die anderen, erklärte Meckel, sei irreführend: „Es gibt nichts furchtbareres und langweiligeres als perfekte Menschen“. Das ist ein schöner Satz, sinnvoll und logisch obendrein – doch wird er an den Sitten im Netz wenig ändern. Es ist ein Teil der Evolution, sich selbst von den anderen, den Konkurrenten abgrenzen zu wollen – dafür muss man die eigenen Federn eben manchmal etwas stärker aufplustern, als man das im realen Leben tun würde. Nicht ohne Grund sind Instagram und Facebook gefüllt mit „Selfies“ (interessanter Fakt: Frauen haben bei Selfies einen 50 Prozent ausgeprägteren „Hebewinkel“ als Männer), hübsch mit Filtern verfremdet und die Person stets von der Schokoladenseite zeigend.

Doch es gibt Trost, ist Meckel überzeugt. „Wir müssen nicht mitmachen!“ Wenn wir uns dem entziehen, können wir ein individuelles, facettenreiches Leben gestalten. Denn: „wären wir alle perfekt, würden wir uns fürchterlich miteinander langweilen“. Ach wäre es doch so einfach.

Einen Rückblick mit vielen Bilder und Videos der Netzkultur #3 findet ihr hier.

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