Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt

Bei diesem Buch weiß ich nie, ob ich die Texte immer und immer wieder lesen oder mir nur die Bilder anschauen möchte: Doro Petersen hat sich die Geschichten „Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt“ von Italo Calvino geschnappt und kongenial illustriert.

„Dieser Mensch ist ja irgendwie bemitleidenswert“, sagte der Mann, nachdem er die Geschichten von Marcovaldo an einem ruhigen Abend in einem Rutsch durchgelesen hatte. „Bemitleidenswert? Finde ich überhaupt nicht!“, antwortete ich. Naja, die reinen Fakten klingen zugegeben nicht so rosig: Marcovaldo ist Schichtarbeiter in einer Fabrik, er wohnt mit einer fauchenden Ehefrau und etlichen Kindern in einer viel zu kleinen und viel zu muffigen Erdgeschosswohnung an einer verkehrsreichen Straße. Das Geld ist knapp, manchmal weiß Marcovaldo nicht, wie er die hungrigen Mäuler seiner Familie ernähren soll. Er träumt von der Natur, doch die ist in der Stadt kaum zu spüren. Und von Urlaub wollen wir gar nicht reden.

Und doch: Dieser kleinbürgerliche Mann wirkt auf mich überhaupt nicht bemitleidenswert, eher sympathisch, etwas trottelig und naiv. Weshalb ihm immer wieder die lustigsten Geschichten passieren: „Für ihr Rheuma“, hatte der Kassenarzt gesagt, „brauchen Sie diesen Sommer warme Sandpackungen.“ Weshalb er mit seinen Kindern zum Baggersee fährt und sich dort in einen mit Sand gefüllten Lastkahn einbuddeln lässt – die Arbeiter machen gerade Pause, die kann man doch gut nutzen, denkt er. Dumm nur dass sich der Knoten löst, mit dem der Kahn am Ufer festgemacht ist und Marcovaldo, unter zwei Zentnern Sand begraben, mit der Strömung davon getrieben wird – geradewegs auf eine Stromschnelle zu. Ein andermal kommt er auf die Idee, einen Korb voll Pilze zu pflücken, die am Straßenrand wachsen; mit seiner auffälligen Geheimnistuerei lockt er weitere hungrige Menschen an, bis sie sich fast um die Pilze prügeln – in der Nacht danach treffen sie sich alle im Krankenhaus wieder, wo jeder wegen Vergiftungserscheinungen eine Magenspülung hat machen müssen.

marcovaldo

Dass Italo Calvino ein großer Geschichtenerzähler war, ist kein Geheimnis und so kann man sich genüsslich in die kleinen Erzählungen einwickeln wie in eine warme Decke. Der eigentliche Clou an diesem Buch sind die wundervollen Illustrationen von Doro Petersen, die die Missgeschicke dieses kleinen Arbeiters so herrlich in Szene setzen, dass man das Buch immer wieder zur Hand nimmt (und ich kurz in Versuchung geriet, einzelne Seiten herauszutrennen, um sie rahmen zu können!). Wie so oft ist es der Edition Büchergilde gelungen, einen älteres literarisches Werk Dank illustrativer Neuinterpretation vor dem Vergessen zu retten – diese entstand übrigens anlässlich des 30. Todestags von Calvino am 19. September 2015.

Italo Calvion: Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt. Mit Bildern von Doro Petersen und Übersetzung aus dem Italienischen von Nino Erné, Caesar Rymarowicz und Heinz Riedt. Edition Büchergilde, 2015. Hardcover, 192 Seiten, 25€. ISBN 978-3-86406-047-2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.