Mit dem Kulturzug nach Breslau

breslau

Auto und Brieftasche geklaut, schweres Essen und unverständliche Sprache: Es war wirklich an der Zeit, diesen Vorurteilen & Klischees über Polen mal auf den Grund zu gehen. Auf nach Breslau!

Mit dem „Kulturzug“, der etliche Berliner 2016 nach Breslau brachte und der aufgrund der großen Nachfrage bis Anfang 2018 fahren wird, bummelten wir nach Niederschlesien – und wollten gar nicht mehr weg.

Wann hat man das eigentlich noch, dieses intensive „Ich bin auf Reisen im Ausland“-Gefühl – ohne dafür ins Flugzeug steigen und nach Asien fliegen müssen? Gibt es das noch, innerhalb von Europa? Wer ins Nachbarland Polen fährt, bekommt zumindest noch ein wenig das Gefühl, weit von zuhause entfernt zu sein, hier zahlt man nicht mit Euro, sondern mit Zloty, hier spricht man eine Sprache voller Zischlaute, die bei näherem Hinhören melodisch wie Volgezwitschern klingt. Hier isst man Piroggen und Blinis und trinkt „Gruszka“-Saft (Birnensaft), hier weht noch ein Hauch Sozialismus durch die bröselnden Hinterhöfe. Es ist alles sehr schön!

Aus Breslau wurde Wrocław

Jahrhundertelang gehörte die Stadt zu Deutschland, genauer gesagt zu Schlesien, man nannte sie Breslau. Als das Gebiet nach Ende des zweiten Weltkrieges im  Zuge der „Westverschiebung“ (die Sowjetunion wollte einen Teil des Kuchens haben und schob die Grenzen Polens dafür ein gutes Stückchen weiter in den Westen) wieder zurück an Polen fiel, benannte man die Stadt in Wrocław um (so hatte sie auch vorher schonmal geheißen). Die Polen gaben den Schlesiern (u.a. auch meiner Großmutter und ihrer Familie) zu verstehen, dass sie das Gebiet nun zu verlassen hätten; die Menschen packten ihre Handwagen und flohen in Richtung des zerstörten Deutschlands. Es sind unschöne Dinge passiert damals, über die oft ein Mantel des Schweigens ausgebreitet wurde. Dann kam der Kommunismus und trug nicht gerade zum hübschen Wiederaufbau der Stadt bei – die Wunden dieser Zeit sind noch heute sichtbar.

Berlin und Wrocław sind seit langer Zeit miteinander verbunden, viele Breslauer verschlug es Anfang des 20. Jahrhunderts nach Berlin, die Arbeiter siedelten sich rund um den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) und in Kreuzberg (rund um das – genau – Schlesische Tor) an, brachten ihre Kultur und ihren Dialekt mit. Etliche Schlesier prägten die Literaturszene und den Journalismus Berlins. Auch heute noch sind im Stadtbild viele Parallelen zu erkennen und ich konnte wieder meinen (nicht ganz ernst gemeinten) Spruch „Das sieht ja hier aus wie Berlin in den 90ern“ anbringen (ich gebe zu: den habe ich auch schon in Zagreb und Belgrad vom Stapel gelassen!)

breslau

Und nun verbindet die beiden Städte auch noch ein „Kulturzug“: Für schlappe 19 Euro pro Richtung fährt der Zug jedes Wochenende zwischen Berlin und Breslau hin und her, man kann entweder Samstagmorgen hin und Samstagabend oder Sonntagnachmittag wieder zurück fahren. Entstanden ist die Verbindung im Rahmen der „Kulturstadt“ – diesen Titel durfte sich Wrocław 2016 auf die Fahne schreiben (2017 sind das übrigens Aarhus in Dänemark und Paphos auf Zypern). Auf jeder Strecke gibt es ein kulturelles Angebot, sei es eine Lesung, Musik, ein Quiz oder die „fahrende Bibliothek“ mit verschiedenen Texten rund um die Beziehung von Berlin und Breslau. Weil das Angebot so gut angenommen wurde, bummelt der Zug weiterhin durch die Felder, verlängert wurde bis Ende 2018.

Wrocław selbst ist so vielfältig, dass ein Kurzbesuch eigentlich gar nicht reicht, um alle Facetten kennenzulernen. Zur Auswahl stehen gefühlt unzählige Museen – doch sich auf diese zu beschränken, wäre zu eintönig. Es lohnt sich ein ausgiebiger Spaziergang durch die Altstadt, die von der Oder in einem Ring umschlossen wird. Vom Puro Hotel, in dem wir übernachteten (und das allein für sein ausgiebiges Frühstücksbuffet empfehlenswert ist), waren es nur ein paar Minuten bis zum Ratusz Wrocławski, dem großen Platz rund um das Rathaus. Ein Traum aus pastellfarbenen Bürgerhäusern mit roten Giebeln, der viele Jahre des Wiederaufbaus bedurfte, um heute so auszusehen.

breslau

In einer Seitenstraße kaufe ich mir einen „Kona“, einen Teigkringel mit Zimt und Zucker (die man in Tschechien als „Trdelniks“ und in Ungarn als „Kürtöskalács“ kennt), bevor wir im Kulturzentrum „Barbara“ mit weichem Käse gefüllte „Pierogi Ruski“ essen und jüdischen Restaurant Sara Blinis mit Heringspaste verspeisen und das Ganze mit schwerem Rotwein hinunterzuspülen. Kleine Häppchen aus der jüdischen Küche sowie einen „Kawa Rabbi“ gibt es darüber hinaus im angrenzenden Cíz Café, das zum Jewish Information Centre gehört. Hier kann man –  umgebeben von etlichen Grünpflanzen – in der hauseigenen Publikation „Chidusz“ blättern, einem englischsprachigen Magazin rund um die jüdische Kultur, während man dem kleinen, weißen Haushund das Fell krault.

Wrocław sei „die Stadt, die niemals schläft“, las ich in einer Publikation zu Breslau – aber ich halte es gar nicht für nötig, diesen etwas platt getretenen Slogan hier anzuwenden; Wrocław ist ein kleines, etwas verschlafenes Städtchen in dem wir auch am Wochenende teilweise ganz allein durch die Straßen schlenderten, nirgendwo war es überfüllt und eine angenehme Entspanntheit flatterte durch die Gassen.

Am nördlichen Ende der Altstadt führen mehrere Brücken auf sechs Insel(chen) (auf polnisch heißt Insel „Wyspa“), von denen aus man einen wundervollen Blick auf die Oder hat, an deren Ufer man fabelhaft entlang spazieren kann. Der Gegensatz zwischen völlig neu renoviert und bis kurz vor dem Zusammenbruch verfallenen Häusern ist hier besonders groß, was einen ganz besonderen Charme besitzt. Im Sommer lohnt außerdem eine Besuch im „Ogród Botaniczny„, dem Botanischen Garten.

breslau

Ein paar Tipps rund um die Reise nach Breslau/Wrocław

  • HINKOMMEN: Der Kulturzug startet jeden Samstag um 8.31 Uhr auf dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg und fährt dann über Berlin-Ostkreuz und Cottbus nach Breslau Hbf (Wroclaw Glowny). Zurück geht es entweder Samstagabend um 19.40 Uhr oder am Sonntagnachmittag um 16.41 Uhr. Jede Strecke kostet 19 Euro, für 38 Euro hin und zurück seid ihr dabei!
  • ÜBERNACHTEN: Übernachten kann man ganz ausgezeichnet im Puro Hotel am Rande der Altstadt. In einer ruhigen Seitengasse gelegen, kann man sich hier in den kleinen gemütlichen Zimmern in die Federn kuscheln, einen kostenlosen Kaffee in der Lobby trinken, beim ausgiebigen Frühstücksbuffet schlemmen oder von hier aus die Stadt erkunden.
  • BEZAHLEN: In Polen bezahlt man mit Złoty – 1 Złoty sind ca. 23 Cent, aus Bequemlichkeit habe ich die Preise aber durch 4 geteilt. Es gibt genügend Banken und Wechselstuben, an denen man Geld abheben bzw. wechseln kann. An manchen Stellen werden auch Euros akzeptiert
  • ESSEN/TRINKEN: Gleich gegenüber des Hotels liegt das Restaurant Sara, in dem man ausgezeichnete jüdische Spezialitäten essen kann; zwei Häuser weiter gibt es den Nachmittagskaffee – auf polnisch „Kawa“ -und Kuchen im CIŻ Café, das zum Jewish Information centre gehört. Alles koscher und äußerst lecker. „Kona“, die Teigkringel, gibt es bei der Chimney Cake Bakery in der Altstadt.
  • KULTUR: Wer auf der Suche nach aktuellen kulturellen Veranstaltungen ist, ist bei Barbara richtig: Der zentrale Ort für die Aktionen rund um die europäische Kulturhauptstadt veranstaltet auch weiterhin Lesungen und Ausstellungen, außerdem kann man sich hier eine Menge Infos zur Stadt holen und gleichzeitig leckere Piroggen naschen. Für die Größe der Stadt hat Wroclaw ungewöhnlich viele Museen und andere Kulturorte (die man natürlich an einem Wochenende nicht alle besuchen kann) – eine Übersicht findet ihr z.B. auf der offiziellen Seite der Kulturhauptstadt.
  • SEHENSWÜRDIGKEITEN: Der Platz rund um das Ratusz Wrocławski mit seinen charmanten und kunterbunten Giebelhäuschen befindet sich mitten in der Altstadt. Von hier ist es ein kurzer Marsch zur Donau, wo euch kleine Brücken auf die Insel(chen) bringen; auf der größten befindet sich auch der Botanische Garten und verschiedene Kirchen – zusammen ist es alles sehr malerisch!
  • FORTBEWEGUNG: In Wroclaw kann man alles ganz bequem per Fuß erreichen, zumindest dann, wenn man in der Altstadt wohnt und sich auch meistens dort aufhält. Ansonsten fahren verschiedene Tram-Linien (die herrlich „oldschool“ aussehen) durch die Stadt und bringen euch ans Ziel.
  • SPRACHE: Polnisch gehört zu den slawischen Sprachen und ist komplett anders als die deutsche Sprache – wobei manche Begriffe Lehnwörter aus dem Deutschen sind. Für ein Wochenende in der Stadt muss man natürlich keinen Sprachkurs belegen, denn man kommt prima mit Englisch (oder auch mit deutsch) voran. Ein paar polnische Wörter sind aus Respekt aber immer angebracht, finde ich:  „Cześć“ (Hallo/Tschüss), „dzień dobry“ (Guten Tag) „Dziękuję“ (Danke), „tak“ (Ja), „Nie“ (Nein) kann man sich schon merken.

 

1 Kommentare

  1. Liebe Julia,

    ich fand schon deine Bilder auf Instagram so toll und habe gerade auch deinen Artikel sehr gerne gelesen. Ich möchte auch gerne mal nach Polen fahren und auch Breslau steht mit auf meiner Liste. Jetzt habe ich gerade richtig Fernweg bekommen.

    Und das mit dem Kulturzug ist ja eine richtig tolle Sache. Das finde ich echt super, vor allem auch dass man von den Fahrzeiten her auch die Chance auf einen Tagestrip hat. Tolle Sache, sowas hätte ich gerne auch hier.

    Liebe Gr´üße
    Julia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.