Mit dem Rucksack durch Goa

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Ich hatte mich auf so ziemlich alles eingestellt: enorme Verspätungen, Unfälle, verdreckte Toiletten oder Durchfallerkrankungen. Und dann passierte – Nichts. Meine Rucksackreise durch Goa war anders als gedacht.

Mumbai hatte mich überrascht: Klar, auch hier sind die Autofahrer mit dem Finger an der Hupe festgewachsen (das scheint in Indien zum guten Ton zu gehören), doch der Verkehr läuft verhältnismäßig fluffig und die Menschen sind entspannt. Trotzdem reichten zwei Tage in der Millionenmetropole – Goa war mein erklärtes Ziel für die nächsten drei Wochen. Auf die sicherlich charmante Zugfahrt hatte ich diesmal verzichtet – wer schonmal versucht hat, von außerhalb über das undurchdringliche Buchungssystem der Indian Railway zu buchen, weiß, wovon ich rede – und mir einen Flug gebucht.

Nur eine Stunde später landete ich im kleinsten Bundesstaat des Subkontinents, schnappte mir ein Taxi und ließ mich nach Panjim fahren, wo ich mir ein Zimmerchen reserviert hatte. Noch dröhnten mir die Ohren von der Großstadt, weshalb ich zunächst nur das unglaubliche Grün wahrnahm, welches diese Gegend kennzeichnet – bevor ich auch die Stille hörte. Nur der Motor unterbrach die rauschende Ruhe, ein paar exotische Vögel krächzden dazwischen und über allem lag eine Entspannung, die ich mit Indien niemals in Verbindung gebracht hätte.
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Doch das musste ich schnell lernen: Goa ist nicht Nord-Indien, so wenig wie Berlin typisch Deutschland ist! Nach einer verschwitzten Nacht in meinem Hostelbett erwachte ich von einem kreischenden Stakkato wunderlicher Tiere – Affen oder Vögel? Ich war mir nicht ganz sicher, aber irgendwas saß da auf unserem Dach. Ein Geräusch, welches ich in den kommenden Tagen zu lieben lernte: Während ich an den diversen Stränden – Goa ist streng genommen ein einziger, kilometer langer Strandabschnitt – in meiner Basthütte hockte, einen Erfahrungsbericht aus der Bhagwan-Kommune laß und den Geckos dabei zuschaute, wie sie neben mir die Wand hochkrabbelten, hörte ich wenig mehr als Schnabelklappern, Flügelschlagen und Vogelkreischen. Wie paradiesisch!?
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Paradiesisch, ja – aber auch sehr anstrengend. Als Großstadtpflanze mit vollem Terminkalender gelang es mir nur schwerlich, mich auf diese Ruhe einzulassen, diese Terminlosigkeit, das „dolce vita“ am Arabischen Meer. Nichts weiter tun als jeden Morgen zum Yoga gehen, in zuckersüßem Pidgin-English in den Kopfstand gebracht zu werden, danach Milchkaffee und Pancakes mit Blick auf das Meer frühstücken – Stressig ist anders.

Doch als Alleinreisende unter Pärchenurlaubern, ohne feste Anknüpfpunkte mitten im Nichts, das ist eine ganz schöne Herausforderung. „Wie wundervoll ruhig es hier ist“, dachte ich immer wieder, während ich meinen Mango-Lassi schlürfte. Und wurde doch von einer Einsamkeit umspült, die mindestens so hoch war wie die Wellen im Meer, in das ich mich täglich warf. In mir wurde die Frage laut: Wie machen das eigentlich andere Alleinreisende, die Wochen, sogar Monate unterwegs sind? Was tun sie gegen diese Stimme, die gerne lauthals schreit: „Das kann doch hier alles gar keinen Spaß machen, wenn du es mit niemandem teilst – schau mal, wie ALLEIN du bist!!“ ?
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Also tingelt ich rastlos von Strand zu Strand, entspannte am Mandrem Beach (wo ich eine ausgiebige Ayurveda-Ganzkörpermassage zum Preis von drei Kaffee genoss), musizierte am Arambol Beach, kaufte allerlei Souvenirs auf dem riesigen Hippie-Flohmarkt in Anjuna und geriet in ein Party-Hostel in Vagator, wo ich mit einer wilden Mischung aus Briten, Australiern, Amerikanern, Franzosen und Deutschen teuer importierten Weißwein trank und mich von den Moskitos zerstechen ließ.

Ich besuchte in diesen Wochen nur einen einzigen Hindu-Tempel, denn Goa ist zu großen Teilen christlich; suchte verzweifelte nach einem authentischen Glas Chai und den typischen Chai-Verkäufern; wanderte entlang der Bars in Anjuna, die sich mit lauter Techno-Musik gegenseitig überbieten wollen & fühlte mich wie auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain am Wochenende – und überstand einen Bootsausflug mit einer Gruppe betrunkener Russen, deren Frauen sich den von uns frisch gefangenen Fisch für ein Foto zwischen die hängenden Brüste drückten. Ich beschloss, dass Goa und ich einfach nicht so gut zusammenpassen.

Doch was bleibt von der Reise? Das Wissen, wieder um etliche Erfahrungen reicher zu sein – und der tiefe Wunsch, wieder in die „spirituelleren“ Gegenden des Landes zu fahren…

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