Mit Zuckerwatte und Zauber: „Am schönsten auf der Welt ist es gleich hier“

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„An einem Sonntagnachmittag sollte man keine Entscheidungen treffen. Vor allem nicht im Januar, wenn eine graue Decke über der Stadt liegt und alle Träume unter sich erstickt“, lautet der erste Satz des Romans „Am schönsten auf der Welt ist es gleich hier“ von Francesc Miralles und Care Santos – doch der wiederum eignet sich hervorragend für einen verregneten Sonntagnachmittag!

Iris ist allein, die Einsamkeit droht sie aufzufressen: Kürzlich sind ihre Eltern überraschend bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ihr Job in einem Callcenter ödet sie an, einen Partner hat sie nicht und zu allem Übel auch keine Idee, wo ihr Leben hinführen soll. Wieso also überhaupt noch weitermachen? An einem trüben Wochenende beschließt sie, sich vor einen Zug zu werfen – doch dann wird sie durch einen Knall unterbrochen. Als sie aus ihrer Trance aufwacht und sich verwundert umschaut, fällt ihr Blick auf eine Leuchtanzeige über einem Café mit dem hübschen Namen „Am schönsten auf der Welt ist es gleich hier“. Wieso hat sie das Café noch nie gesehen, obwohl sie gleich um die Ecke wohnt?

Der Ort wirkt verschlafen und verwunschen, was er auch ist – aber das weiß Iris noch nicht, als sie sich an einen der Tische setzt und dort von Luca, einem äußerst ansehnlichen Mann, angesprochen wird. Dieser erklärt ihr, jeder Tisch in diesem Café habe eine bestimmte Eigenschaft, z.B. würde sie gerade am „Vergangenheitstisch“ sitzen. Iris zweifelt – und kommt doch immer wieder an den Ort zurück. Nach und nach beginnt sie, ihr Leben zu revidieren, nachzudenken, was sie schon immer mal tun wollte und wo sie eigentlich hin möchte. Der seltsame Luca, der nie etwas über sich erzählt, hilft ihr dabei, er stellt ihr Aufgaben und gibt ihr Rätsel mit auf den Weg. Als Iris langsam aber sicher wieder Boden unter den Füßen hat, ist Luca spurlos verschwunden – und mit ihm auch das Café…

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts“

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Fasst man diesen kleinen Roman zusammen, den Frances Miralles und Care Santos gemeinsam geschrieben haben, so klingt es unweigerlich kitschig und schablonenartig. Letzteres stimmt tatsächlich, Iris macht eine Entwicklung wie im Bilderbuch durch und das Ende der Geschichte ist streng genommen schon mit ihrem Beginn bekannt. Auf nahezu jeder Seite findet sich eine Lebensweisheit, eine tiefgründige Liedzeile oder ein schwermütiges Haiku und meistens dachte ich daran an meinen Facebook-Stream, in dem täglich derartige schlaue Sprüche in verrückten Schriftarten auf romantischem Bildhintergrund auftauchen.

Und doch lohnt es sich, in die Geschichte von Iris einzutauchen: Was macht man, wenn einem von jetzt auf gleich der Halt genommen wird und man durchs Leben schlittert wie eine ungeübte Schlittschuhläuferin? Wäre es nicht schön, würde man dann wie Iris von jemandem an die Hand genommen und ein einem sprichwörtlich zauberhaften Café auf eine heiße Schokolade und ein paar tröstende Worte eingeladen? Und so ist dieser Roman wie eine kuschelige Wolldecke an einem Sonntagnachmittag, an dem eine grauße Decke über der Stadt liegt.

Francesce Miralles & Care Santos
Am schönsten auf der Welt ist es gleich hier
Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
List Verlag, 2016.
Hardcover, 192 Seiten, 14€
ISBN-13 9783471351338