„Nun sag, wie hast du’s mit der Kultur?“ – Stepanini

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Das archiv/e magazin hat Stepanini seine erste Ausgabe gewidmet – da wollte auch ich mal nachhaken. Im Interview plaudert Stephanie über ihren Blog und Kultur – und gibt nebenbei ne große Portion Tipps für einen Städtetrip nach München!

Liebe Stephanie, auf deinem Blog „Stepanini“ schreibst du über „Schönes und Nachdenkenswertes“. Das ist ja ein weites Feld – wie ist die Idee dazu entstanden, den Blog zu gründen?
Mir gefällt, dass Du das Wort gründen nimmst. Das klingt so absichtsvoll. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf die Idee kam. Ich hatte einfach Lust das selbst auszuprobieren, nachdem ich immer viele Blogs gelesen habe. Eines Sonntagnachmittags habe ich mir dann ein Template herausgesucht und den ersten Post geschrieben. Danach war ich unglaublich aufgeregt und habe erwartungsvoll gespannt gewartet, dass etwas spektakuläres passiert. Passiert ist dann genau gar nichts.
Als ich dann nach ein paar Monaten gemerkt habe, dass das wohl nicht mehr nur meine Mutter liest, hat sich das zwar aufregend angefühlt, aber ich habe auch gemerkt: Das Internet ist groß und das Leben geht weiter.
Heute ist stepanini für mich mein eigener kleiner, feiner Ort in der digitalen Welt, den ich nicht mehr missen möchte.

Wo holst du dir deine Inspiration für „die Fußnoten, das zwischen den Zeilen, die Seitenstraßen, Abzweigungen, Quergedanken“?
Indem ich nicht suche. Ich glaube das ist der Schlüssel. Zumindest für mich. Meine Erfahrung ist, dass das Unabsichtsvolle, die Möglichkeit zuzulassen, überrascht werden zu können die schönsten Entdeckungen möglich macht. Vorurteilsfrei und neugierig sein, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, sich immer wieder einzulassen auf alles und auf jeden, im Kopf die Bereitschaft zu haben, dass alles auch immer anders sein könnte, nicht zu glauben, dass man schon weiß, wie etwas geht oder funktioniert, sich eine Beweglichkeit im Kopf bewahren.

Eine Serie auf deinem Blog gefällt mir besonders: Das „Montagsmögen“. Was steckt dahinter?
Jeden Montag notiere ich mir zwei Dinge – gut meistens sind es drei, streng genommen, weil ich auch noch ein Lied poste -, die ich mag. Und das ist dann ein Montagsmögen.
Entstanden ist das eher zufällig. Es war an einem Montagmorgen und ich hatte gerade keine sonderliche Lust. Ich steckte gedanklich noch im Wochenende fest. Kurz davor im Selbstmitleid zu versinken, habe ich mir überlegt, dass das doch wohl kein guter Start in die Woche sein kann, so miesepetrig und was denn alles gerade gut ist, was ich denn gerade mag. Da viel mir dann doch etwas ein. Daraus ist dann irgendwie mit der Zeit eine Routine für mich und dadurch für den Blog eine feste Rubrik geworden.

Du wohnst in München – was macht diese Stadt für dich aus, was macht sie liebenswert?
Ich finde München so herrlich unangestrengt. Andernorts muss man etwas sein, es ist hektisch, jeder hat ein wichtiges Projekt, ist ganz nah dran an irgendetwas Großem.
München empfinde ich da als sehr gelassen, entspannt und unaufgeregt. Es ist kleiner und übersichtlicher. Bis der neuste Trend aus Berlin herübergeschwappt ist, dauert es gut ein halbes Jahr. Manchmal schiele ich neidisch nach Hamburg oder Berlin, ob des großen Angebotes. Aber ich mag es hier und finde das ganz gut so. So in der zweiten Reihe und trotzdem noch alles im Blick.
Hinzu kommt: In München ist man in der Stadt, aber auch ganz schnell in der Natur. Ich fand immer, dass es doch kein schlüssiges Argument für eine Stadt sein kann, dass man so schnell aus ihr wieder draußen ist. Aber da ist schon etwas dran. Ganzheitlich betrachtet bietet München quasi ein optimales Stadt-Feng-Shui.

Fotos: Stepanini

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Ich bin sehr selten „dort unten“ (von Berlin aus gesehen). Käme ich dich für zwei Tage besuchen, was würdest du mir auf jeden Fall zeigen wollen?
Im Sommer mit einem Bier an die Isar setzen. Durchs Glockenbachviertel ziehen und bei akjumi schöne Kleider ansehen, meine Freundin die Fotografin Kirsten Becken in ihrem Studio besuchen, einen Abstecher in der Götterspeise, um Salzkaramell einzupacken. Im Lost Weekend Käsekuchen essen und bei den Büchern stöbern. In der Goldmarie Käsnockerl zu Abend essen. Im Kaisergarten bayerisch essen und ich könnte eine ganze Ode auf bayerisches Essen schreiben und unbedingt danach einen Kaiserschmarrn teilen. An der Glypothek entlangschlendern, weil diese Gebäude so beeindruckend sind und es im Hinterhof wunderbar ruhig. Im Sommer auf den Treppen dort sitzen. Ins Museum Brandhorst gehen und vor dem Reingehen kurz anhalten, weil der Wind so schön durch die bunten Stelen pfeift. In die Pinakothek der Moderne gehen und dort in der Eingangshalle kurz inmitten des Gewusels stehen und die Weite des Gebäudes spüren. Schöner Architekturmoment und danach die Bilder dort ansehen. Frühstücken im Cafe Fortuna sich ein Stück Schokoladentarte genehmigen und dabei die Süddeutsche lesen. Bei Dompierre die weltbesten Eclaires kaufen und irgendwo in der Sonne verspeisen. In die Residenz gehen und sich im Antiquarium abwechselnd ganz groß und dann wieder ganz klein fühlen. An einen der Seen fahren und dort spazierengehen oder wenn es warm genug ist, kurz eine Runde schwimmen. Auf die Berge schauen. Im Flushing Meadows auf der Dachterrasse einen Drink nehmen. Im Soda Zeitschriften und im Wortwahl – Salon der Buchkultur in Design- und Kochbüchern stöbern. In den Hofgärten den Boulespielern zusehen, in der Kapelle dem Geiger zuhören und danach in der Goldenen Bar mit Münchner Hipstern noch etwas trinken gehen. Im Biergarten unter Kastanienbäumen sitzen, es sich gut gehen lassen und nicht verstehen, warum dieses gastronomisch überragende Konzept auf Bayern beschränkt ist.

Das sind zwei lange Tage – aber ich sage ja: Eine unterschätzte Stadt.

Kommen wir jetzt zur Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Kultur?“ Welche Rolle spielt sie in deinem Leben?
Ich bin beruflich nicht im Kulturbereich zu Hause, sondern im Innovationsmanagement. Augenscheinlich eine andere Welt, wobei ich mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes sehe und denke, dass im Idealfall sich Wirtschaft, Kultur und Politik gegenseitig befruchten, voneinander lernen sollten.
Kultur ist ein großes Wort nebenbei bemerkt. Für mich ist sie Inspiration, Zerstreuung, ein Hafen, Kraft- und Ideenquelle. Das war sie nicht immer so. Es gab Zeiten, da hatte ich Berührungsängste und konnte sie nicht ungezwungen genießen. Zu großen Respekt hatte ich vor denen, die sich besser auskannten und dem Dünkel, mit dem er von manchen Menschen vor sich hergetragen wird. Ich war abgeschreckt und in gewisser Weise auch eingeschränkt. Ich dachte immer, ich dürfte mir kein Urteil erlauben, weil ich nicht kundig genug bin. Das hat sich dann irgendwann gelegt. Jetzt ist mein Ansatz, dass ich schaue, was es mit mir macht. Damit hat sich für mich ein großer Möglichkeitsraum erschlossen. Es geht mir nicht ums gefallen, sondern ob mich Bilder, ein Buch, ein Theaterstück oder Musik verwirrt, traurig, verstört, fröhlich, überrascht zurücklässt. Rüdiger Sünne hat mal geschrieben, dass die Werke von Beuys ihm sagen: „Hab Geduld, harre aus, geh tiefer hinein, halte deine Vorurteile zurück, warte, bis sich etwas von selbst zeigt.“ Mit dieser Einstellung versuche ich jeder Form von Kunst und Kultur zu begegnen und darin liegt für mich deren Größe.
Wenn ich danach ein wenig eine andere bin, weil ich eine andere Perspektive gesehen habe, die Welt nun neu betrachte, weil sich etwas ein kleines Stück verrückt hat. Das macht Kultur für mich und das ist etwas sehr Großartiges.

Welche Ausstellung hast du als letztes besucht und welche möchtest du unbedingt noch sehen?
Letzten Sonntag war ich im Dokumentationszentrum und habe die Ausstellung zum Aufstand im Warschauer Ghetto gesehen. Bedrückend. Keine leichte Kost. Aber sehr gut.
Ich freue mich auf die Ausstellung über Malerei im Informationszeitalter im Museum Brandhorst. Ich bin gerade öfter in Zürich und will demnächst wieder ins Kunsthaus. Da war ich schon seit über sechs Jahren nicht mehr. Und ich freue mich schon jetzt auf die documenta, auch wenn es noch lange hin ist.

Fotos: Stepanini

Fotos: Stepanini

Werfen wir einen Blick auf dein Bücherregal: Hast du deine Bücher nach einem bestimmten System sortiert oder liegen sie kreuz und quer durcheinander?
Ich hatte einmal den Anflug sie nach Farben zu sortieren, das hat aber nicht lange angehalten. Immer wieder versuche ich wenigstens thematisch nach Interessengebieten zu bündeln, was aber nur bedingt gelingt. Ich staple. Ich staple exzessiv. Neben dem Bett. Neben dem Schreibtisch. Neben dem Sofa. Diejenigen, die ich demnächst lesen will, unbedingt lesen muss, bereits gelesen habe, aber von den vielen guten Gedanken so beseelt bin, dass ich nochmals reinlesen will.
Das mit der Systematik versuche ich dennoch immer wieder, hält aber nie lange an. Manches Mal fällt mir ein Satz ein oder irgendwas, von dem ich weiß, dass ich das mal gelesen und dann beginnt das große Suchen. Das Buch, das muss doch irgendwo sein. Und schon ist jedes noch so schön angelegte System wieder dahin.

Welcher Roman oder welches Sachbuch liegt ganz oben auf dem „Will ich lesen“-Stapel?
Ich lese immer parallel. Schaue abends immer, nach was mir gerade ist.
Gerade liegen auf dem Stapel „Zeige deine Wunde“ über Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Inventing the future von Nick Srnicek und Alex Williams. Erich Fromm habe ich gerade wiederentdeckt und in Haben und Sein reingelesen. Ins Wasser getragen von Peter Trawny zum zweiten Mal gerade gelesen, weil es mir vor einem Jahr schon so gut gefallen hat. „The fear of insignificance“ über die Angst vor Bedeutungslosigkeit in diesem Jahrhundert von Carlo Strenger habe ich gerade angefange. Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson habe ich heute gerade beendet. Ein trauriger, schöner Roman über dem Nachhängen einer Liebe, der mir lange nachging.

Gibt es ein Zitat, einen Aphorismus oder eine Redewendung, die besonders gut zu deiner Lebenseinstellung passt?
Katharina Grosse, deren Arbeit ich sehr mag, weil sie immer etwas mit mir machen, hat einmal etwas Schönes über Erfahrung gesagt. Nämlich, dass sie eigentlich hinderlich sei, weil man etwas mal gemacht hat und weil es zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgreich war, will man es immer wieder machen. Obwohl es jetzt vielleicht gar nicht mehr sinnvoll ist und irgendwann glauben wir dann, das sei unsere Identität und darin liegt eine Gefahr, weil sie den Möglichkeitsraum beschränkt.
Gewohntes, meine Gewohnheiten in Frage zu stellen ist mein Antrieb.
Und den Satz von Pablo Picasso, dass er immer das tut, was er nicht kann, um zu lernen, wie es geht. Den liebe ich. Der ist so herrlich unbeschwert befreiend. Ich probiere das jetzt einfach mal. Das braucht der Angsthase in mir, den es auch gibt.

Vielen lieben Dank!

Stephanie findet ihr auf ihrem Blog „Stepanini“ sowie auf Facebook, bei Twitter, auf Instagram und bei Pinterest.

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