„Paradise Ost“ oder: Die DDR hat ’nen Riss

DDRFoto: Flickr / Danny Huizinga

„The grass is always greener on the other side“ – für Jess und ihre Mutter ist die andere Seite die DDR. Doch Jess stellt schnell fest: Auch der „real existierende Sozialismus“ hat seine Tücken und die Mauer – noch im übertragenen Sinne – ihre Risse. „Paradise Ost“ von Jo McMillan ist ein Roman, der auf autobiographischen Erlebnissen basisert.

Mittelengland Ende der 1970er: Die Städte sind grau wie der Himmel, das Essen ungesund, die Laune mies – so habe ich mir persönlich immer dieses Land in dieser Zeit vorgestellt. Jo McMillan ändert dieses Bild nicht, wenn sie uns Anfang 1978 mit nach Tamworth in der Nähe von Birminham nimmt: Hier leben Jess und ihre Mutter Elanor in iher eigenen kleinen Welt, in der sie ihren Mitmenschen den Sozialismus nahebringen wollen. Doch in der eingespielten Engstirnigkeit der Kleinstadtbewohner fallen die beiden sozusagen auf wie zwei pink gepunktete Hunde im Tütü.

Wäre es nicht toll, den Kapitalismus gegen den Sozialismus in live und Farbe einzutauschen? Als Elanor die Einladung zu einer Sommerakademie in der DDR bekommt, in der sie Lehrer in Englisch unterrichten soll, sind die beiden aus dem Häuschen vor Freude und fortan sehnen sie sich den Großteil des Jahres danach, endlich wieder nach Potsdam fahren zu können. Besuche des Sowjetischen Ehrendenkmals, Kaffee auf dem Fernsehturm und Besichtigung des Brandenburger Tors und der Berliner Mauer zeigen den beiden die glanzvolle Seite der Deutschen Demokratischen Republik.

DDRDoch dann verliebt sich Eleanor in einen der Organisatoren der Sommerakademie, die beiden entschließen sich, nach Berlin überzusiedeln – doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn „dort oben“ goutiert man die Verbindung zwischen Elanor und Peter nicht… Der real existierende Sozialismus hat empfindliche Risse, stellt Jess fest und entfremdet sie zunehmend von ihrer Mutter, die dies nicht sehen will.

Noch ein Buch über die DDR? Ja – aber mit dem interessanten Blick von außen! Wie wirkte die DDR auf Menschen, die sie nicht von der Pike auf kannten, sondern aus einem anderen System kamen? Jo McMillan schildert diese Eindrücke besonders lebendig, was an ihrer eigenen Vergangenheit liegt, denn einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Ostdeutschland.

Doch zu viele Anekdoten können eine Erzählung zäh und schleppend werden lassen – nicht immer ist der Spannungsbogen der Geschichte gespannt und man muss als Leser bewusst am Ball bleiben. Dennoch hat die Autorin hier eine interessante Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Mutter-Tochter-Beziehung und Alltagsbild in der DDR-Diktatur geschaffen, die auf jeden Fall lesenswert ist!

Jo McMillan
Paradise Ost
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Ullstein Verlag, 2016
352 Seiten, 20€
ISBN-13 9783550081071

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