Radikale Selbstverwirklichung: „Wir hier draussen. Eine Familie zieht in den Wald“

waldFoto: mairisch Verlag

Was passiert, wenn man mit Mann und vier Kindern in eine einsame Hütte im Wald zieht? Andrea Hejlskov hat genau das getan – und ein Buch über Erfolg und Scheitern geschrieben.

Den Wunsch, sich dem System zu entziehen und als Selbstversorger zu leben haben viele. Doch bei den meisten reicht es nicht über einen Schrebergarten mit angebautem Gemüse und einer gewissen Unangepasstheit in der Angepasstheit hinaus. Nicht so bei Andrea und ihrer Familie: Sie möchten aussteigen und zwar komplett.

„Aber man kann sich nicht einfach eine Komposttonne kaufen, sein eigenes Brot backen, mehr Zeit mit der Familie verbringen, sein einfaches Leben führen… denn man ist immer noch von den Strukturen umgeben, und die Strukturen ersticken einen, die Desillusionierung ist tödlich, also sind wir untergegangen. Mehr gibt es darüber wirklich nicht zu sagen.“

wald

Foto: mairisch Verlag

Als radikalen Schnitt mit der Gesellschaft kündigen sie ihre Wohnung und alle Verträge, verkaufen Hab und Gut, verlieren auf dem Weg in die kleine Hütte im Wald sogar ihre Pässe. Hier, zwischen rauschenden Bäumen wollen die beiden Erwachsenen – die Kinder sind so mäßig von der Idee ihrer Eltern begeistert – ausprobieren, ob ein Leben fernab des „Systems“ möglich ist. Im Sommer ist das sicherlich so, denn da fallen einem die Früchte in den Mund, es ist warm und die Laune gut.

„Wenn man in den Wald flieht, lebt man schön und natürlich, mit Wildblumen auf dem Tisch, man trinkt Tee, fühlt sich naturverbunden und ist ein besserer Mensch. Ist gerettet. Ist rein. […] Man ist systemkritisch, vielleicht ein bisschen paranoid, etwas unangepasst, man ernährt sich gesund, ist weise und schreibt Gedichte über den Sinn des Lebens.“

waldDoch als sie im Herbst mit Unterstützung anderer „Waldbewohner“ beginnen, ein größeres Blockhaus zu bauen, kommen die ersten Zerreissproben: Effektiv zusammenarbeiten, die Gemeinschaft pflegen, Streit vermeiden und bei allem das Ziel im Auge behalten ist alles andere als einfach. Andrea ist kurz vor der Kapitulation, zeitweise sogar kurz vor der Trennung von ihrem Mann. Doch sie hält durch, tippt die Erlebnisse und Gedanken in ihren Blog (offensichtlich gibt es in Schweden sogar Internetempfang mitten im Wald!) und schreibt später dieses Buch.

Entstanden ist so eine beeindruckende Geschichte von Mut und Verzweiflung, Erfolg und Scheitern, Zusammenhalt und Isolation. Offenherzig beschreibt die Autorin, wie sie das anstrengende Leben in der nicht immer freundlich gesonnenen Natur teilweise an den Rande des Wahnsinns brachte, wie sie sich zunächst wehrte, die klassischen „Rollen einer Frau“, ergo das Putzen und Kochen zu übernehmen, um den Männern den Rücken beim Hausbau freizuhalten. Denn was bringt es, aus dem System auszusteigen, wenn man dann doch die alten Rollen beibehält? Im Rückblick scheut sie nicht vor Selbstkritik, beschönigt ebenso wenig – vergisst aber auch nicht ihren Humor.

Wer bisher den Traum hegte, als Selbstversorger dem normalen Alltag adieu zu sagen, wird hier wertvolle Tipps und Inspiration finden – und auch eine Prise Ernüchterung. Denn von einer kuscheligen Bullerbü-Atmosphäre ist die Familie von Andrea Hejlskov oft sehr weit entfernt. Doch sie lebt heute noch immer im Wald – so viel sei verraten. Ein starkes und ermutigendes Buch, das zeigt: Es geht auch anders!

Andrea Hejlskov
Wir hier draussen. Eine Familie zieht in den Wald.
Übersetzt von Roberta Schneider
mairisch verlag, 2017
Hardcover, 296 Seiten, 20,-€
ISBN 978-3-938539-47-7

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.