Rezension: „Der Leuchtturm“

Leuchtturm

Es klingt wie ein Gedankenspiel, welches ich als Kind gerne gespielt habe: Wenn ich auf eine einsame Insel fahren würde – was würde ich mitnehmen? Paolo Rumiz hat genau das gemacht: Für mehrere Monate zieht er in einen windumtosten Leuchtturm im Mittelmeer. Sein Buch ist pure schriftliche Entschleunigung!

„Kleine Inseln sind der Inbegriff der Widersprüche. Man sucht sie auf, um Frieden vor der Welt zu finden, und das Wetter wirft einen ins Zentrum eines ruhelosen Universums. […] Für die, die sich hier aufhalten, können sie zum Ort der Erkenntnis werden, man kann hier aber auch der Einsamkeit und dem Vergessen anheimfallen.“

leuchtturmEs ist nicht unbedingt die Entschleunigung, das Ausbrechen aus einer hektischen Welt und dem drohenden Ertrinken im Strom der Nachrichten, die der Erzähler – und das ist der Autor Paolo Rumiz selbst – auf dieser Insel sucht. Es ist vor allem seine jahrelang gepflegte Leidenschaft für Leuchttürme und ihre Geschichte: Diese Zyklopen am Rande der stürmischen Adria, Rettungslichtpunkt für mögliche Schiffbrüchige, Sehnsuchtsort für Weltenbummler. Seit Jahren reist er durch die Welt, um sich diese Orte der blinkenden Orientierung anzuschauen – nun sucht er den einsamsten der einsamsten unter ihnen.

Für drei Wochen plant Rumiz, dem Leuchturmwärter Gesellschaft zu leisten; er setzt mit einem kleinen Boot und ein paar Kisten Lebensmittel auf die Insel über. Was man nicht mitbringt, auf das muss man verzichten. Hier ist das Leben auf das nötigste heruntergefahren, schlafen, essen, aufs Meer schauen, Gedanken nachhängen, Tagebuch schreiben.

Wer sich hierhin zurückzieht, ist auch auf sich selbst zurückgeworfen, findet – Internet gibt es „zum Glück“ nicht – sich allein in der Weite des Mittelmeeres, die voller Mythen und Mysterien und doch wie eine alte Freundin ist. Man grillt Fisch, beobachtet die Vögelschwärme, freundet sich mit dem Esel an, bestimmt Pflanzen. Es ist ruhig – und doch passiert auf dieser Insel so viel, dass man immer etwas zu tun hat!

„Man hat zu mir gesagt: ‚Du wirst dich langweilen‘, und ich stelle fest, dass ich keinen Augenblick Ruhe habe. ‚Worüber willst du an einem Ort schreiben, wo nichts passiert?‘ Ebenfalls ein Einwand bei meiner Abreise. Jetzt stelle ich fest, dass meine Notizbücher wahrscheinlich nicht reichen werden.“

Dieses Buch ist eine Wohltat für die Sinne. Wer diesen schmalen Band in die Hände nimmt, setzt sich zu Paolo Rumiz in den Windschatten des Leuchtturms, hört die Möwen kreisen und die Wellen, wie sie gegen die Felsen brechen. Der lässt sich von ihm Geschichten über die Odyssee und andere Sagengestalten des Mittelmeerraumes erzählen, während der Schirocco um die Insel pfeift und die gesalzenen Sardellen in der Sonne trocknen. Dieses Buch ist wie ein Kurzurlaub vom Alltag, wie ein hörbares Ausatmen in unserer immer bis zum Anschlag angespannten Welt – kurz: eine Reise für die Seele!

Paolo Rumiz
Der Leuchtturm
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
Folio Verlag, 2017
Gebunden, 159 Seiten, 20€
ISBN 978-3-85256-716-7

Paolo Rumiz liest am Mittwoch, 19. April um 19 Uhr im Italienischen Kulturinstitut in Berlin aus seinem Buch „Der Leuchtturm“

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