Rezension: „Haus für eine Person“

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Was bringt eine Frau Anfang 30 dazu, ihr altes Leben von jetzt auf gleich aufzugeben und in einem Viertel am Stadtrand unerkannt und allein neu zu beginnen? „Haus für eine Person“, der Debütroman von Barbara Kenneweg, beschreibt diesen abrupten Wandel mit bestechenden Worten.

Als ein paar Jahre nach ihrem Vater auch ihre Mutter stirbt und Rosa Lux mit einem beträchtlichen Erbe zurücklässt, zieht diese einen radikalen Schlussstrich:

„Ich war erschöpft, weiß der Himmel wovon. Sogar von Olaf. Ich tat etwas, was mich selbst überraschte. Ich brach die Kontakte zu meinen Bekannten ab, verkrachte mich mit meiner einzigen langjährigen Freundin und zog um, ohne jemandem die neue Adresse zu geben. Sollten sie ruhig denken, ich wäre nach Australien gegangen. Tatsächlich hatte ich mir einen kleinen verlotterten Bungalow in einem vergessenen Viertel gekauft, in dem die Straßen nach Blumen benannt sind.“

 

Hier kennt sie niemanden und niemand sie. Durch die Straßenzüge wabert ein Hauch von sozialer Resignation und tränengetränkter Geschichte, auch das kleine Häuschen atmet Erinnerung aus den Dielen. Kontakt nimmt Rosa nur zu ihrer Nachbarin, der über 90 Jahre alten Frau Paul, die sie mit ihrer Abgeklärtheit auf den Boden der Tatsachen zurückholt. „Fünf Kinder in drei politischen Systemen“ habe sie großgezogen, da bleibt kein Platz für persönliche Sinnsuche, so hört Rosa zwischen den Zeilen heraus.

Und sie? Was hat sie bisher geleistet? Musste sie überhaupt etwas leisten, in dieser Gesellschaft, die sie eigentlich nicht braucht? Wofür soll man heutzutage noch kämpfen – in dieser Welt, in der all unsere Sinne ständig von technischen Geräten betäubt sind und wir uns nur um uns selbst drehen?


„Die meisten Menschen meines Alters, die ich bisher getroffen habe, waren Egomanen, Monster, unfähig, etwas für andere zu tun, es sei denn, es winkte sofortige Belohnung. Gänzlich anders habe ich nur Menschen jenseits der siebzig erlebt.“

 

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Zu allem Übel, sozusagen, muss sie dann auch noch feststellen, dass sie schwanger ist. Ohne Partner, Freunde oder andersweitig soziales Netzwerk, am Rande der Stadt und Gesellschaft stellt sich ihr die Frage: Will ich, kann ich dieses Kind bekommen oder sollte ich es abtreiben? Oder bietet sich hier die nicht eine wunderbare Gelegenheit, mir selbst zu beweisen, wozu ich fähig bin?

Dieses Buch tut weh. Selbstverständlich nicht aufgrund der glasklaren Sprache der Autorin, die uns als Leser mitten in die wirre Gedankenwelt von Rosa führt, durch deren ungefilterte Ich-Erzählung sich die ganze Geschichte vor uns entfaltet. Sondern weil die krasse Widerwilligkeit von Rosa, sich Hilfe zu holen, oft Unverständnis auslöst.

Natürlich hast du einen berechtigten Platz auf dieser Welt, auch wenn du nicht völlig allein um dein Überleben kämpfen musst, möchte man ihr zurufen, mach keinen Blödsinn! Barbara Kenneweg ist ein Roman gelungen, der auf jeder Seite kurz vor der Implosion steht, bis es tatsächlich knallt – und der noch lange nachhallt.

Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, mit Barbara Kenneweg über ihren Debütroman zu sprechen. Das Interview lest ihr demnächst an dieser Stelle!

Barbara Kenneweg
Haus für eine Person
Ullstein Verlag, 2017
Hardcover, 224 Seiten, 18€
ISBN 978-3-550-08177-4

 

4 Kommentare

  1. Huhu,

    von diesem Buch habe ich noch gar nicht gehört. Aber es hört sich sehr interessant an, wandert also auf jeden Fall auf die Wunschliste. Danke für den Tipp 🙂

    LG
    Lena

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