Rezension: „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“

tod

Jeder stirbt für sich allein – und meistens geht der Tod unbemerkt hinter verschlossenen Türen vonstatten. Aber warum eigentlich?

Macht es den Abschied vom Leben nicht leichter, wenn man ihn mit jemandem teilen kann, in all seinen hässlichen Auswüchsen? Susann Pásztor hat mit Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster einen Roman über einen ehrenamtlichen Sterbebegleiter geschrieben, der sich an seiner ersten Klientin fast die Zähne ausbeißt.

„Sie müssen ihrem Vater sagen, dass er gehen darf“ – als die Seelsorgerin im Hospiz mir diesen Satz sagte, hätte ich sie am liebsten angebrüllt: „ICH WILL ABER NICHT, DASS ER STIRBT!“ Dabei stimmte das gar nicht. Nachdem ich wochenlang hilflos dabei zugeschaut hatte, wie der Krebs meinen Papa von innen heraus auffraß, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass er endlich von seinen Schmerzen und den hohen Morphium-Dosen erlöst werden würde. Doch artikulieren konnte ich das nicht, stattdessen flogen Teller, flossen Tränen – und die Hospizmitarbeiter und Seelsorger hielten meine Hand und kochten mir Kaffee. Erst einige Zeit später wusste ich zu schätzen, welche Arbeit diese Menschen eigentlich leisten.

Denn Sterbende und ihre Angehörige bei den schwierigen Schritten Richtung Tod zu begleiten, ist beileibe nicht einfach. Trotzdem lässt sich Fred, die Hauptfigur im Roman von Susann Pásztor, zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden. Seine Kollegen sind überrascht, dass der langweilige Beamte diesen Schritt geht, sie löchern ihn mit Fragen: Warum macht man sowas?

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„Erst mit Zurückhaltung, dann mit zunehmender Begeisterung hatte er ihnen erklärt, dass er einen sinnvollen Beitrag leisten wollte in dieser Gesellschaft, dass man sich dem Tabuthema Tod stellen, ja, es in die Mitte des Lebens zurückholen müsse, wo es schließlich auch hingehörte. Menschliche Zuwendung, liebevolle Begleitung, Erhalt der Lebensqualität, ein würdiges Leben bis zum letzten Atemzug: Das waren die Dinge, für die er einstehen wollte.“
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todSeine ziemlich romantische Vorstellung von der Arbeit eines Sterbebegleiters wird arg auf die Probe gestellt, als er Kontakt zu seiner ersten „Klientin“ aufnimmt: Karla hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, die Chemotherapie abgebrochen und nur noch wenige Wochen, so genau weiß man das nicht, zu leben. Ganz pragmatisch und ohne Gefühlsausbrüche bereitet sie sich auf ihr Lebensende vor und sortiert ihren Nachlass. Einen Sterbebegleiter hat sie eigentlich nur angefordert, weil ihr Arzt es ihr empfohlen hat.

Es geht um Leben und Tod, um Festhalten und Loslassen

Über ihre Vergangenheit redet sie kaum, nur die unzähligen Ordner mit Analogfotos von Konzerten verraten, dass sie eng verbunden war mit einer Band, vermutlich mit den Grateful Dead. Angehörige, die Fred fragen könnte, gibt es nicht – bis auf eine Schwester, deren Telefonnummer auf dem Feld „Im Todesfall zu benachrichtigen“ eingetragen ist. Doch der Versuch, die beiden Schwestern bei einem gemeinsamen Weihnachtsfest zu einer tränenreichen Versöhnung zusammenzubringen, scheitert fatal und endet mit vorläufiger Funkstille zwischen Fred und Karla. Die lässt nur noch Freds Sohn Phil in die Wohnung, zwecks Digitalisierung ihrer Fotografien. Doch die Zeit läuft…

Inwiefern darf und sollte man in das Leben von Sterbenden eingreifen? Müssen wirklich alle Geheimnisse und Feindschaften aufgelöst werden, damit es zu einem glücklichen Ableben kommt? Und muss man Sterbende eigentlich mit Samthandschuhen anfassen? Susann Pásztor, die selbst als ehrenamtliche Sterbebegleiterin in Berlin tätig ist, wirft in diesem tiefgründigen Roman viele Fragen auf und gibt nicht auf jede eine Antwort – was sie gar nicht kann, denn es geht um die existenzielle Erfahrung von Leben und Tod, dem Festhalten und Loslassen und dem Frieden machen mit sich selbst. Es ist eine Geschichte, welche mich nicht nur, aber vor allem aus persönlichen Gründen berührt hat. Wir sollten das Sterben zurück in die Mitte der Gesellschaft holen – und dann steht einer auf und öffnet das Fenster, damit die Seele hinausfliegen kann.

Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich die wundervolle Gelegenheit, Susann Pásztor über ihren neuen Roman und rund um das Thema Sterbebegleitung zu interviewen – das fertige Interview lest ihr demnächst auf meinem Blog!

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Kiepenheuer & Witsch, 2017
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-462-04870-4

 

 

4 Kommentare

  1. Hallo Julia,
    das Buch hat mich begeistert und ich war auch von der Autorin, die ich in Leipzig kennenlernen konnte, sehr angetan. ich freue mich auf dein Interview.
    Das Foto von dem Fenster ist übrigens wunderschön!
    Viele Grüße
    Silvia

    • Fräulein Julia

      Danke dir! Das Foto ist übrigens ein Stockphoto – Uneeeendlich viele dieser Art findest du auf unsplash.com, alle kostenlos nutzbar.

  2. liebe julia,

    so bin ich hier zum gegenbesuch, und freue mich sehr, deinen schönen und abwechslungsreichen blog kennen zu lernen. und habe auch gleich ein buch gefunden, das mir sehr interessiert, weil ich mich selbst für diese tätigkeit ’sterbebegleitung‘ engagiere. ich kenne susann pásztor mit einem ganz anderen buch über jüdische identität nach dem nationalsozialismus…

    liebe grüße nach berlin!
    gerd

    • Fräulein Julia

      Danke dir! Ich habe jetzt auch große Lust, die anderne Bücher von Susann Pásztor zu lesen. Und das Thema Sterbebegleitung, welches mir schon seit Jahren im Kopf rumgeistert, nimmt auch wieder Formen an. Warum eigentlich nicht?

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