Eine schrecklich nette Familie: „Rimini“ von Sonja Heiss

familie

„Die Armins sind eine ganz normale Familie“ – Mit dem ganz normalen Familienwahnsinn! Sonja Heiss hat mit „Rimini“ ein höchst amüsantes Romandebüt vorgelegt, in dem sich so mancher wiederfinden wird.

„Lieber Hans,
ich hoffe, es geht euch gut und fühlst dich ohne die Zigaretten wie ein neuer Mensch. Ich wünsche, deine Schwester wäre so klug wie du. Bitte ruf deine Mutter mal an. Du hast dich sehr lange nicht bei ihr gemeldet.
Dein Vater“

Eine schrecklich nette Familie

Ja richtig, eigentlich müsste man die Eltern mal wieder anrufen. Aber was soll man sich erzählen, wenn man sich eigentlich nichts zu sagen hat? Hans, verheiratet mit Ellen und Vater zweier Kinder, ist Anwalt. Doch in letzter Zeit geht alles bergab: Seine Ehe mit Ellen ist durchzogen von Vorwürfen und Missverständnissen, wichtige Klienten hat er aufgrund seiner unberechenbaren Wutausbrüche verloren. Aus Frust zerbeißt er Bleistifte. Das käme alles aus seiner Kindheit, behauptet Frau Dr. Mandel-Minkic, seine Tiefenpsychologin. Mit seinen Eltern darüber reden möchte er aber nicht.

Hans ist ganz anders als seine Schwester: Masha geht auf die vierzig zu, mit der Karriere als Schauspielerin läuft es nicht mehr so richtig und auf einmal ist da dieser unbezwingbare Wunsch nach einem Kind. Doch dann kann sie Georg, ihren langjährigen Partner, auf einmal sprichwörtlich nicht mehr riechen – aber in dem Alter noch einen neuen Mann suchen? Ist das nicht viel zu aufwändig?

familieBarbara und Alexander, die Eltern der Beiden und bereits pensioniert sind diesbezüglich keine guten Ratgeber. Wie eigentlich alle Eltern wünschen sie sich nur das Beste für ihre Kinder – z.B., das Hans dieses Biest Ellen endlich verlässt und Masha den gut situierten Arzt Georg heiratet -, kämpfen dabei jedoch selbst mit ihrer Beziehung. Eine Trennung steht nach so vielen Jahren Ehe nicht zur Debatte, doch flüchtet sich Barbara immer wieder in tagelangen Schlaf, weil ihr Ehemann ihr auf Schritt und Tritt wie ein treudoofer Teddybär hinterhertapst und sie überdies noch immer ein Familiengeheimnis hütet. Als Ausgleich kauft sich Alexander einen Wellensittich, den er fortan mit Liebe überschüttet.

Blutsbande und Schicksalsgemeinschaft

Also alles recht normal verkorkst im Hause Armin, oder? „Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht“, lautet ein Sprichwort und passt ganz gut auf das Schicksalsgefüge von Masha, Hans, Barbara und Alexander. Sie sind nicht nur durch Gene, sondern auch durch Liebe untrennbar miteinander verbunden – und doch fällt es gerade der älteren Generation schwer, ihre Kinder einen eigenen Weg gehen zu lassen und sich selbst dabei nicht zu vergessen. Eine Situation, in der sich so mancher Leser mit einem Schmunzeln wiederfinden wird!

Sonja Heiss, die als Regisseurin mit den Filmen „Hotel Very Welcome“ und „Hedi Schneider steckt fest“ Erfolge feierte, bringt in ihrem literarischen Debüt mit spätem Kinderwunsch, Langeweile in der Rente, Erwartungen an die erwachsenen Kinder, Ehekrise, Wutanfällen, Psychoanalyse, Älterwerden und Tod eine ganze Sammlung an Themen zusammen – und trotzdem wirkt es nie überfrachtet. Sie schaut tief in die zwischenmenschlichen Abgründe und entwickelt daraus Charaktere, die gleichzeitig höchst individuell und scheinbar allgemeingültige Typen sind. Hinzu kommt der wundervoll trockene Humor, der das Buch zu einem charmanten Kleinod im Wust der Neuerscheinungen macht!

Sonja Heiss
Rimini
Kiepenheuer&Witsch, 2017
Gebunden, 400 Seiten, 20,-€
ISBN: 978-3-462-05044-8

Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich Sonja Heiss zum Gespräch getroffen. Das Interview lest ihr demnächst an dieser Stelle!

Foto: Cathal Mac an Bheatha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.