Ich habe Synästhesie – aber was ist das eigentlich?

synästhesie„Warst du damit schonmal beim Arzt?“, wurde ich kürzlich gefragt, als ich erzählte, dass ich Synästhesie habe. Erst wunderte mich die Frage, doch dann wurde mir klar, dass viele einfach nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Und was ist Synästhesie denn eigentlich?

Als meine Eltern mir im Kindergartenalter eine Packung bunter Buchstaben und Zahlen schenkten, die man als Magnete an den Kühlschrank pappen konnte, war ich zunächst verwirrt. „Warum ist das B denn grün? Und die 4, die ist doch eigentlich gelb?“ Meine Mutter schaute mich ratlos an ging nicht weiter darauf ein. Ich nahm meine Verwirrung zunächst hin und lernte dank der Magneten die ersten Wörter schreiben.

Ein paar Jahre später saß ich mit meinem Vater zusammen am Küchentisch, wir hatten wie jeden Sonntag „Die Sendung mit der Maus“ geschaut, im Anschluss durfte ich einen Löffel Kaffee trinken (der roch so gut, schmeckte aber viel zu bitter) und weitere Fragen stellen. „Papa, wie macht man eigentlich Klopapier“ oder „Papa, wo kommen die Sterne her?“, fragte ich – und eines Tages eben „Papa, wie sieht eigentlich dein Mittwoch aus?“

Mein Vater, schon immer begabt im Zeichnen, schnappte sich meine Buntstifte und malte seine Wochentage auf einen Block. Ein grüner Mittwoch? Wie komisch! Bei mir war der Orange und eckig! Ich malte meine daneben – und dann sprachen wir jahrelang nie wieder darüber.

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Auf dem Bild rechts: So sehen die Wochentage bei mir aus

Synä- was bitte?!

Bis ich kurz nach dem Abitur bei einem Redaktionspraktikum einen Artikel über Synästhesie schreiben sollte. „Synä- was?“, fragte ich zunächst ratlos, um wenige Minuten später eben so ratlos in die Runde zu rufen: „Wie jetzt, bei euch haben Zahlen keine Farben?!“ Ich hatte meinen „special effect“ entdeckt, den ich immer als völlig normal eingestuft hatte. Wie hätte ich auch anderes denken können? Für gewöhnlich beginnt man Gespräche ja nicht mit „Hallo, was siehst du denn, wenn du eine Trompete hörst?“

Synästhesie, das ist – so liest man auf Wikipedia – „die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung“. Es gibt Synästhetiker, die Farben riechen, Temperaturen fühlen oder Zahlen schmecken können. Am weitesten verbreitet sind die Formen, bei denen Zahlen und Buchstaben eine Farbe haben, Wochentage eine Form & Farbe und Geräusche visuelle Effekte auslösen – so wie bei mir. Natürlich sehe ich, dass ein schwarz auf weiß gedruckter Text schwarz auf weiß ist, aber sobald jemand „Fünf“ sagt oder „B“, sehe ich im wahrsten Sinne des Wortes Rot – vor meinem inneren Auge. Außerdem haben Temperaturen verschiedene Farben und kann ich Töne nicht nur sehen, sondern auch körperlich spüren. Klingt verrückt? Ein bisschen vielleicht – aber ich kenne es nicht anders!

Gibt es die „richtige“ Wahrnehmung überhaupt?

Doch beschreiben kann man dieses Phänomen nur schwer, auch Wissenschaftler beißen sich daran regelmäßig die Zähne aus – Man kann eben nicht in die Köpfe anderer Menschen schauen und sehen, wie sie denken und sehen. Denn die Frage ist ja auch: Was ist eigentlich die „richtige“ Wahrnehmung, gibt es sie überhaupt? Auch wenn Synästhesie als „Abweichung von der Normvariante“ bezeichnet wird: Sind vielleicht die Synästhetiker (von denen es einen unter 1.000 Menschen gibt) die, die so wahrnehmen, wie es „ursprünglich gedacht“ war? Und wie stellen sich eigentlich Nicht-Synästhetiker Raum, Zeit, Zahlen und Buchstaben vor?

Meine Freundin Bettina hat mich im Rahmen der Familienrollen auf ihrem Blog „Das frühe Vogerl“ kürzlich ausführlich über meine Synästhesie ausgefragt – darin plaudere ich noch etwas mehr über meine verschiedenen Synästhesie-Formen und wie mir das im Alltag hilft. Dass ich mittlerweile drei verschiedene Berufsausbildungen habe, hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, wurde mir kürzlich erklärt: Synästhetiker interessieren sich für etliche (kreative) Bereiche und machen gerne viele Dinge gleichzeitig – mit einem ebenso starken Bedürfnis nach totaler Ruhe. Sie zählen zu den Hochsensiblen – aber das ist wieder ein ganz eigenes Thema…

Kanntet ihr Synästhesie schon – oder sind vielleicht ebenfalls Synästhetiker unter euch?

5 Kommentare

  1. Von Synästhesie habe ich bisher noch nie etwas gehört. Vielen Dank für den sehr interessanten Artikel, es ist doch immer wieder erstaulich, zu welchen Dingen unser Gehirn in der Lage ist.
    Viele Grüße
    Thomas

  2. Hallo Julia,
    Ich wurde auch schon gefragt, ob ich wie von dir beschrieben empfinde, weil ich Farben und Gerüche relativ intensiv wahrnehme. Bücher riechen zum Beispiel nach kurzer Zeit sehr unangenehm und ich habe tatsächlich schon nach einem Parfum gesucht, damit sie wieder wie neu riechen (wobei die Unterschiede je nach Papier und Farbe sehr groß sind). Gefällt dir dein Wochenende eigentlich? Es ist so farblos im Vergleich zu den restlichen Wochentagen.
    Liebe Grüße
    Anna

    • Fräulein Julia

      Liebe Anna, auf das Wochenende werde ich oft angesprochen & ich hab mich auch schon oft gewundert, warum es so grau ist. Aber ja, ich liebe es – der Samstag Ist schon immer mein Lieblingstag. Das Grau steht für eine terminlose Fläche, die ich ganz nach Belieben füllen kann (im Gegensatz zu dem den andern Wochentagen mit ihren festen Terminen)

  3. Hey,

    Ich fand den Artikel ganz nett. Ich habe wohl nur die „random“-Synästhesie. Ich sehe Zahlen und Buchstaben als Farben oder nehme sie als Gefühle/Emotionen war. Auch ich wusste nichts davon, bis ich durch Zufall mit einem Neurowissenschaftler darüber gesprochen hatte und er mir erklärte, dass die meisten Menschen anders denken als ich. Ich finde es ganz nett mal „besonders“ zu sein. Viel spannender finde ich aber, wie nehmen nicht-Synästhetiker die Welt wahr? Wie denkt man anders? Was denkt man, wenn man ein Buch liest?
    Vielleicht ist Tolkien deshalb einer meiner Lieblingsautoren. Er erzählt wie seine Welt aussieht. Dann kann ich sie mir auch vor meinem Auge vorstellen, wie er seine Welt wohl gesehen hat.

    • Fräulein Julia

      Liebe Jenni, was meinst du mit „random“-Synästhesie? Wenn du Zahlen in Farbe siehst und sie sogar fühlen kannst, dann ist das ganz eindeutig Synästhesie (eine der häufigsten Formen übrigens). Viele Varianten, die ich habe, sind mir auch erst nach und nach bewusst geworden (Töne sehen und fühlen z.B.) Und ja, ich würde total gerne mal einen Tag Nicht-Synästhetikerin sein, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es ohne diese ganzen Farben ist!

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