Über den Wolken

355 Hektar Freifläche mitten in der Stadt – wo gibt’s denn sowas? In Berlin natürlich: Seit 2010 sind die Start- und Landebahnen des ehemaligen Flughafens Tempelhof ein gigantischer öffentlicher Park. Mit „Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman“ hat Thilo Bock nun den passenden Roman dazu veröffentlicht.

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ – das charmante Lied von Reinhard May (nicht die Partyversion, bitte) hatte ich während des Lesens fast dauerhaft im Ohr. Da ist ja auch was Wahres dran – einen ähnlichen Gedanken hat man aber, steht man am Rande des Tempelhofer Feldes auf der ehemaligen Start- und Landebahn des Flughafens. Sooo viel Platz! Der Fernsehturm ein kleines, glitzerndes Kügelchen am Horizont und sonst nichts, mal abgesehen von hunderten von Radlern, Windsurfern, Skatern und Sonnenanbetern.

Sven, Hauptfigur des Buches, verirrt sich mehr oder weniger genau an seinem 40. Geburtstag auf die riesige Freifläche – und verliebt sich dort prompt in ein Skater-Mädchen, das geschätzt halb so alt ist wie er, jungenhaft, wild, ungezwungen und mit braunen Augen gesegnet, die den erwachsenen (im Geiste gleichaltrigen) Mann in die Knie zwingen. Fortan kommt der Bibliothekar fast täglich den weiten Weg aus dem Wedding nach Neukölln, immer in der Hoffnung, das süße Mädl wiederzutreffen.

CoverLiegt man auf der Wiese oder inmitten der Wildblumen des „Allmende-Kontors“ und blinzelt in die Sonne, denkt man wohl unweigerlich an die Vergangenheit dieser Gegend. Und die ist reichhaltig: erst Ackerfläche, später Paradeplatz von König Wilhelm I., ab 1933 Konzentrationslager, Austragungsort für heroische erste Flugversuche und natürlich – jetzt noch sichtbar – Areal für den monumentalen, ebenfalls von den Nationalsozialisten erbauten Flughafen Tempelhof.

Bei soviel Geschichte (oder liegt es an der vielen Sonne?) kann schonmal die Phantasie mit einem durchgehen und so findet sich Sven mitunter ganz plötzlich zwischen prügelnden Nazis oder in den am Rande des Feldes liegenden Kulissen der UFA-Studios wieder, in denen ab 1918 zahlreiche bekannte Stummfilme gedreht wurden. Die Gedanken sind frei. Aber wieso hat sich die süße Luis seit Wochen nicht mehr blicken lassen?

Thilo Bock, Sprachvirtuose und Ur-Berliner, legt mit diesem Text einen fluffigen Sommer-Roman vor. Jeder Satz enthält gefühlt ein paar Sonnenstrahlen sowie ein Stückchen ungetrübtes Freiheitsgefühl, welches man beim Betreten des Flugfelds unweigerlich empfindet. Lesenswert!

Thilo Bock: Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman. Fuchs & Fuchs Verlag, Berlin 2014. Gebunden, 208 Seiten, 17€. ISBN 978-3-945279-01-4

Der Autor liest am 13. Mai um 19.30 Uhr im Heimathafen Neukölln (Eintritt 5€) sowie am 22. Mai um 19.30 Uhr in der Buchhandlung „Die Buchkönigin“, Hobrechtstraße 65 in Neukölln (Eintritt 5€/3€).

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