Warum ist der Tod so ein Tabu? Interview mit Susann Pásztor

pasztor© Sven Jungtow

In ihrem neuen Roman „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ thematisiert Susann Pásztor etwas, dem wir gerne aus dem Weg gehen: Den Prozess des Sterbens.

Wie ihre Hauptfigur Fred ist auch sie als ehrenamtliche Sterbebegleiterin tätig. Auf der Leipziger Buchmesse habe ich mich mit ihr über ihre Arbeit, ihren Roman und die Frage, warum der Tod so ein großes Tabu ist, unterhalten.

Frau Pásztor, warum wird man Sterbebegleiterin?

„Man“ ist natürlich immer schwer zu sagen. In meinem Fall ist es relativ unspektakulär. Das eine ist, dass ich, je älter ich wurde, immer häufiger mit dem Tod konfrontiert wurde. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich zwar vom Tod, aber vom Sterben überhaupt keine Ahnung habe. Das war ein Gedanke, der mich beschäftigt hat. Darüber hinaus suchte ich nach einer sozialen Aufgabe, denn ich denke, dass ich schon ein bisschen was von meinem Wohlstand abgeben kann. Beides zusammen war der Hauptgrund für meine Ausbildung zur Sterbegleiterin, und nicht z.B. ein besonderer Todesfall in der Familie. Es ist logisch, dass auch eine gewisse eigene Faszination dabei sein muss. Jedem ist klar, dass er irgendwann dran ist, aber keiner möchte darüber reden, alle haben Angst davor und suchen sich seltsame Namen für den Vorgang des Sterbens aus. In meiner Ausbildungsgruppe waren auch Menschen, die ihren Partner verloren hatten. Ein Kollege, der mich zu meiner Hauptfigur inspiriert hat, arbeitete bei der Rentenversicherung und hatte ständig mit Todesfällen zu tun. Er erzählte mir, dass er sich auf dem Papier die ganze Zeit mit dem Tod beschäftigt, aber eigentlich gar nicht genau weiß, was das ist. Mir hat es auch geholfen, mich meiner eigenen Angst zu stellen.

Sie arbeiten selbst als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Wie viel eigene Erfahrung ist in diesen Roman eingeflossen?

Es steckt jede Menge eigene Erfahrung in diesem Buch! Ich glaube ohne diese Erfahrung in der Sterbebegleitung hätte ich mich nicht getraut, das zu schreiben. Bei den Supervisions-Szenen ist auch spürbar, dass da eigene Erfahrungen mit den Gruppenprozessen vorliegen, die ja zum Teil das pralle Leben abbilden. Wir sitzen nicht da und alles ist ganz entsetzlich und wir erzählen uns die traurigsten Geschichten, sondern es wird gelacht und gelernt. Das waren Dinge, die mich zu dem Text inspiriert haben, auch wenn es in meinem eigenen Leben nie eine Karla oder einen Phil in dem Sinne gegeben hat.

Wie läuft eine Ausbildung zur Sterbebegleitung eigentlich ab?

Das wird vom Hospiz aus angeboten, ich habe damals eine Anzeige in der Zitty gelesen und mich daraufhin angemeldet. Insgesamt war es ein dreiviertel Jahr mit Blockseminaren am Wochenende. Die Inhalte gingen von genereller Information über ganz viele Rollenspiele bis hin zur Selbsterfahrung, Partnerübungen und natürlich auch praktische Übungen, z.B. wie man jemandem aus dem Rollstuhl hilft. Eine sehr große Bandbreite. Viele haben im Anschluss gleich angefangen zu arbeiten, man ist aber immer begleitet von dieser Supervision.

Gestorben wird immer hinter verschlossenen Türen. Warum ist der Tod – obwohl er zum Leben dazu gehört – in unserer Gesellschaft so ein großes Tabu? Und welche Rolle spielen da die Sterbebegleiter?

Ich denke, mal ganz philosophisch, dass der Tod in unserer Gesellschaft, in der alles optimiert wird, die größte narzisstische Kränkung ist – denn er kommt irgendwann und ist nicht verhinderbar. Es wird ja auf vielen Ebenen geforscht, wie man den Tod aufhalten kann und Unsterblichkeitsphantasien sind uralt. Auch in der Literatur wird das ja immer wieder aufgegriffen. Wir sprechen also von Optimierungswahn, Jugendwahn, darüber, dass alles behandelbar ist und man das Leben kontrollieren kann. Aber der Tod bedeutet Loslassen! Hingabe und Loslassen, im Idealfall – und das passt in unser Konzept einfach nicht rein. In ländlichen Gegenden wurden die Toten früher erstmal aufgebahrt, man konnte sich in Ruhe von ihnen verabschieden, man hatte auch noch die körperliche Präsenz gehabt, die Leiche wurde gewaschen und das fand nicht hinter verschlossenen Türen statt. Meine Mutter ist 2003 gestorben und ich ärgere mich, dass ich damals nicht wusste, was alles möglich ist: Dass auch die Krankenhäuser, wenn man es möchte, einen Raum zur Verfügung stellen, in dem die Familie mit dem Toten zusammen sein kann. Ich wurde angerufen und über den Tod meiner Mutter informiert, konnte aber nicht spontan hinfahren. Man sagte mir dann, dass man sie in den Keller bringen müsste – die Vorstellung, meine Mutter in einem Kühlfach liegen zu sehen, fand ich ganz schrecklich. Heute wüsste ich, dass ich noch Zeit mit ihr hätte verbringen können. Viele wissen das aber nicht oder wollen es nicht und rufen ganz schnell den Bestatter an.

Da sind wir ja wieder bei dem Tabu: Mit dem Verstorbenen möchte man nichts mehr zu tun haben, lässt ihn schnell abholen oder wegbringen. In Hospizen ist das allerdings anders, oder?

Die Hospizbewegung ist ja aus dem Gedanken entstanden, den Sterbenden zur Seite zu stehen, sie nicht sich selbst zu überlassen. In den überfüllten Krankenhäusern gibt es diese intensive Betreuung nicht und zuhause wollen die meisten sie auch nicht haben. In den Hospizen wird viel offener mit dem Tod umgegangen. Für einen Sterbenden ist es ein schwerer Schritt, in ein Hospiz zu gehen, denn es ist eine Anerkennung seiner Situation. Dort wird nichts mehr schön geredet.

pastzorFred – die Hauptfigur in Ihrem Roman – lässt sich als Sterbebegleiter ausbilden und hat eine ziemlich romantische Vorstellung davon wie es ist, einen Menschen bis zu seinem Tod zu begleiten. Am liebsten möchte er der schroffen Karla alles recht machen. Muss man Sterbende mit Samthandschuhen anfassen?

Man muss sich auf die Personen einstimmen, sich fragen: An welchem Punkt sind sie gerade? Die Leute, die sterben und für die eine Begleitung angefordert wurde, die wissen gar nicht immer, dass sie sterben werden. Gerade in Berlin machen wir Begleitung in allen Schichten und ich hatte schon Fälle von Leuten im Pflegeheim, die mir überzeugt erzählt haben, dass sie demnächst wieder auf die Beine kommen. Es ist dann nicht meine Aufgabe ihnen zu sagen, dass sie sterben. Ich muss mich auf dieses Level einlassen. Ich habe vorab wenige Informationen über den Patienten, den ich besuche, es entwickelt sich dann einfach. Einem Patienten habe ich die ganze Zeit vorgelesen, mit einem anderen habe ich zwei dicke Bücher vollgeschrieben, weil er nicht mehr sprechen könnte. Da ging es sehr viel um das Thema Loslassen und Tod. Das war herzzerreißend, ich konnte es mir bis jetzt nicht nochmal durchlesen. Diesen Mann habe ich über eine längere Zeit begleitet und unendlich gern gewonnen – dennoch habe ich ihm nichts sehnlicher gewünscht, als dass er bald sterben kann. Was Fred in meinem Roman anzettelt, bzw. diese Grundhaltung, die er hat, die habe ich schon öfter gesehen. Und das ist ja auch eine schöne, menschliche Haltung, die von Irrtümern durchsetzt ist. Aber durch Fehler lernt man ja und das ist mir auch ganz wichtig. Auch im Hospiz darf man Fehler machen.

Letztendlich stirbt jeder seinen eigenen Tod und ist damit allein. Wie kann man Menschen in dieser Situation überhaupt unterstützen?

Das ist tatsächlich ganz individuell und wir haben in der Ausbildung auch kein „Rezept“ dafür bekommen. Berührung z.B. ist manchmal angemessen, manchmal aber auch nicht – wenn man sich in den Menschen einfühlt, dann weiß man das aber auch ganz genau. Ich bin manchmal auch erstmal ratlos, z.B. wenn das erste Gespräch etwas zäh verläuft und die Klienten nicht erzählen wollen oder von mir etwas wissen möchten. Hilfreich ist es für mich dann, diesen Zustand von „Ich weiß es gerade auch nicht“ auszuhalten und einfach da zu sein. Das Konzept von Präsenz funktioniert immer; manchmal kann man auch einfach zusammen sitzen und schweigen. Ich bin froh, dass ich das gelernt habe. Früher neigte ich dazu, Pausen durch Erzählungen zu überbrücken, weil ich meine eigene Hilflosigkeit nicht wahrhaben wollte.

todMit Fred, Phil, Rona, Klaffki und der todkranken Karla bildet sich eine ungewöhnliche Gemeinschaft, die unter anderen Umständen wohl nicht entstanden wäre. Dadurch erhält der Sterbeprozess etwas positives, lebenserhaltendes. Haben Sie die Protagonisten bewusst so gegensätzlich angelegt, um das zu betonen?

Genau das. Der Tod findet ja mitten im Leben statt. Mitte unter denen, die auf die eine oder andere Weise weiterleben werden. Von der Story her ist es ja klar, dass die Entwicklung von Karla nur in eine Richtung führen kann, sie wird am Ende sterben. Da war nie eine Wunderheilung angedacht. Aber was ist mit den Menschen um sie herum? Das war ein Gedanke von mir: ich wollte aufzeigen, wie sich die Menschen in diesem Kontext verändern. Fred findet zu sich selbst und wird selbstbewusster, auf seine Art auch männlicher. Phil wird durch den Kontakt mit Karla erwachsener. Im Zentrum der Geschichte steht der Tod, aber eben auch das pralle Leben drumherum.

Die Vergangenheit von Karla wird nur angedeutet, selber möchte sie nicht darüber reden. Die Rätsel um das Vergangene werden nicht aufgelöst und eine Versöhnung erfolgt auch nicht. Sie setzen damit ein radikales Gegenbild zu der gängigen Vorstellung, dass sich am Lebensende alles in Wohlgefallen auflösen muss.

Dass Sterbende nicht gehen können, bevor alles aufgelöst ist, ist ein Mysterium, denke ich. Es wird auch durch Filme propagiert, dass sich nochmal alle Kinder am Sterbebett versammeln und die Sterbenden erzählen, „wie es wirklich war“. Sowas gibt es durchaus, glaube ich – aber es ist nicht die Regel. Meistens nehmen die Leute ihre Geheimnisse mit und zwar aus einem ganz banalen Grund: Weil keiner sie gefragt hat. Bei Karla war es mir ganz besonders wichtig, dass sie ihr Geheimnis – und ihre Würde – behalten kann. Wie jeder Leser habe auch ich meine Vermutungen, was mit ihr passiert ist – und als Autorin hätte ich es ja entscheiden können – aber so genau wollte ich es auch nicht wissen. Jeder stirbt für sich allein, es ist die ultimative Erfahrung des Alleinseins, es kommt keiner mit – das macht den meisten Menschen große Angst. Wenn an dieser Stelle eine Versöhnung besonders wichtig ist, dann die mit sich selbst und dem eigenen Leben! Wenn man an dem Punkt angelangt ist, macht man mit allem seinen Frieden, denke ich.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

Hier geht es zu meiner Besprechung des Romans „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ von Susann Pásztor aus dem KiWi Verlag!

1 Kommentare

  1. Hallo liebes Fräulein Julia,

    ein tolles Interview. Ich durfte Susann Pásztor in Leipzig auf der Buchmesse erleben. Eine sehr symphatische Autorin. Da fällt mir ein, dass ihr Buch noch auf meinem Lesestapel für den Monat Juni liegt. 😉

    Ganz liebe Grüße
    Karin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.