Warum und wie reisen wir? Das neue Buch von Matthias Politycki & Anekdoten

„Schrecklich schön und weit und wild“: Das neue Buch von Matthias Politycki hat mich zum Nachdenken gebracht. Wie und warum reise ich eigentlich?

Ich hatte gerade im Hostel in Lissabon meinen Rucksack in meiner Schlafkoje verstaut und es mir auf einem der Sofas in der Lounge gemütlich gemacht, da haute mir Matthias Politycki gleich auf der ersten Seite seines Buches eins mit der Keule über:

Seit über vierzig Jahren reise ich. […] als Tramper kreuz und quer durch Europa oder, mit knappem Budget und umso größerer Naivität, als Rucksackfreak, der so ziemlich alles falsch machte, was man bei ersten Ausflügen auf die andre Seite des Mittelmeers falsch machen kann. Im Gegensatz zu heutigen Backpackern, die im Grunde ein von der Globalisierung gezähmtes Völkchen sind, verstanden wir uns als Nonkonformisten, die sich auch in ihrer Form zu reisen von der Elterngeneration absetzen wollten.

Moment mal! Hatte ich nicht genau das im Hinterkopf, als ich kurz nach dem Abiball meinen kleinen Rucksack packte und allein nach Schottland flog, um mir mal anzuschauen, „was es dort so gibt“ – nachdem ich jahrelang mit meinen Eltern allsommerlich in All-inclusive-Clubs am Mittelmeer gefahren war?

Zu meinen wohl schönsten Erlebnissen gehört die Rundreise entlang der Küste Schottlands – inkl. atemberaubender Landschaften und mit dem Auto in einer Schafherde stecken bleiben, die durch nichts vom Fleck zu bewegen ist…

Doch ich gab ihm trotzdem Recht. Weder hatte ich in meiner Laufbahn als Rucksackreisende unter freiem Himmel am Strand geschlafen, weil das Geld nicht mehr für ein Zimmer reichte, noch war ich per Anhalter durch die Lande gezogen – eine Fortbewegungsart, die der 1955 geborene Autor vor allem in seiner Jugend mit Vorliebe nutzte, die für mich als einzelne Frau zu diesen Zeiten aber einfach ein zu großes Wagnis darstellt.

Aber warum gehen wird denn eigentlich auf Reisen? Und was bedeutet das überhaupt genau: zu reisen? Wie unterscheiden sich Reisende von Touristen? „Der Reisende sieht Dinge, die ihm unterwegs begegnen, der Tourist sieht das, was er sich vorgenommen hat zu sehen“, wird G.K. Chesterton zitiert. Dem stimmt auch Politycki zu und beschreibt den Unterschied, zwischen Urlaub und Reise: Wer Urlaub macht, der fährt in die Fremde und bleibt dort fremd; wer auf Reisen geht, will sich fremd fühlenund die Fremde dann mit allen Sinnen erleben und kennenlernen.

Aufzubrechen ins Fremde, das heißt für viele von uns: die Geborgenheit einer moderat erlebnisreichen Schreibtischexistenz einzutauschen gegen die rauhe Außenwelt, obendrein eine, deren Gesetze des Zusammenlebens man nicht kennt und mit der man also zwangsweise kollidieren wird.

Bei einer Reise sind also von vorneherein Strapazen und Unvorgesehenheiten eingeplant, ich würde sogar sagen, man erwartet sie: Als ich Ende 2011 nach Nordindien fuhr, hatte ich mich für zwei Tage nach meiner Ankunft in Delhi mit meinem damaligen Freund in Pushkar verabredet. Doch der klimatisierte Expresszug, den ich mir von Deutschland aus gebucht hatte, wurde am frühen Morgen meiner Abreise gecancelt, mir blieb nur das Ausweichen auf einen klapperigen, mit Menschen, Gepäck und Tieren überladenen „Deluxe“-Reisebus auszuweichen.

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Reisen kann sehr anstrengend sein. Z.B. dann, wenn man in Agra in Nordindien festsitzt, in der zufälligerweise das Taj Mahal steht, sonst aber irgendwie alles furchtbar ist.

Sieben Stunden würden wir für die rund 500km brauchen, versicherte man mir – nach 10 Stunden gab mein Handy-Akku auf und war der Proviant alle, der wartende Freund wurde nervös und ich – schaute seelenruhig aus dem Fenster oder ließ mir vom Rajasthani neben mir erklären, wie man den traditionellen Turban wickelt. Es war mein zweites Mal in Indien und ich hatte offensichtlich nur kurz gebraucht, um mich den Gepflogenheiten des Subkontinents wieder anzupassen und mit einem Lächeln über die von mir bereits erwarteten Turbulenzen hinwegzusehen. Nach 16 Stunden holpriger Busfahrt erreichte ich mein Ziel.

Indien ist das schaurig-schönste Land, das ich bisher gesehen habe – weswegen es mich immer wieder hinzieht. Es passiert dort ganz schön viel Mist, es ist anstrengend und dreckig. Aber nur einen Tee mit einem Ladenbesitzer später oder den Blick auf den Himalaya und erstaunlicherweise ist alles vergessen.

Für alle, die Indien kennen, ist es überflüssig zu erwähnen: Solche Erlebnisse hatten wir noch mehrmals. Sei es der Zug von Varanasi nach Darjeeling, der rund 8 Stunden Verspätung hatte (die man aber im Vorfeld nicht genau benennen konnte) und dann 18 Stunden bis zum Ziel brauchte, oder die erzwungene Übernachtung in einem kleinen Dörfchen, aus dem die Jeeps hoch nach Darjeeling starten, in dem man aber „nichtmal tot überm Zaun hängen will“, wie wir feststellten. Doch die buddhistische Gelassenheit des Hotelbesitzers in der Tee-Stadt und der Anblick des Himalayas vom Bett aus, in das man uns Wärmflaschen gebracht hatte – das Zimmer hatte aufgrund des kaputten Ofens nur ca. 5°C, draußen waren es 0°C – ließ mich alle Strapazen vergessen. „Wir machen hier schließlich keinen Urlaub“, versicherten wir uns, und speicherten die schönen wie schrecklichen Erlebnisse im Langzeitgedächtnis ab.

Alles Wesentliche im Leben, alles, was wir Gewinn nennen, wächst aus Mühe und Widerstand. Wo wir nicht entdecken oder wenigstens zu entdecken vermeinen, […] fehlt eine geheimnisvolle Spannung im Genießen, eine Verbindung zwischen dem Niegesehenen und unserem überraschten Blick, und je weniger wir die Erlebnisse an uns bequem heranbringen lassen, je mehr wir ihnen abenteuernd entgegendringen, umso inniger bleiben sie uns verbunden.
(Stefan Zweig)

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Sehenswürdigkeiten besuche ich nur noch spärlich. Denn es sind nicht sie, die im Gedächtnis hängen bleiben: Ich erinnere mich eher daran, wie ich nach einer ruckeligen Nachtzugfahrt durch Serbien am Morgen auf die pittoreske See-Grenze zu Albanien schaute oder durch einen märchenhaften Nationalpark in Kroatien wanderte, den wir eher zufällig entdeckten.

Stefan Zweig schreibt ihm aus der Seele, sagt Matthias Politycki und ich stimme ihm da gerne zu. Denn reisen wir nicht genau deshalb, um an diesen Herausforderungen und Enttäuschungen zu wachsen? Sehenswürdigkeiten anschauen und von einer Liste abhaken und dann mit dem klimatisierten Bus zurück zum Hotel gefahren zu werden (nicht ohne Stopp in einer vermeintlich authentischen Werkstatt, in der die Touristen das Alltagsleben der Einheimischen vorgegaukelt bekommen und scharenweise über den Tisch gezogen werden) – das kann jeder.

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In Marokko versuchten wir es nochmal mit einer Woche im All-Inclusive-Club: Rund um die Uhr wummernde Bässe, betrunkene Russen im Pool und Durchfall vom aufgewärmten Buffet-Essen waren die Folge. Verschreckt zogen wir von dort als Rucksackreisende weiter durchs Land – und fühlten uns gleich wieder wohl.

Das habe ich auch schon gemacht und natürlich ist es bequem. Aber für mich auch schnell langweilig. Denn „Viele der Sehenswürdigkeiten sind bereits zu Rummelplätzen verkommen, auf denen sich die Weltjugend zum Posen trifft.“ Da mich beim Anblick unzähliger Selfie-Stangen und gestellt in die Kamera grinsender Touristen eine leichte Übelkeit überfällt, meide ich mittlerweile solche Orte. Denn wie der Autor und diverse von ihm zitierte Freunde bin auch ich auf Reisen – aber eigentlich nur, wenn ich alleine reise – vor allem mit der Konfrontation mit mir selbst beschäftigt oder dem, was mich emotional gerade so umtreibt.

Da man meist einsam ist, wenn man allein reist, fangen irgendwann die inneren Stimmen an, sich bemerkbar zu machen.
Von da an ist der Reisende auch zu sich selbst unterwegs

zitiert der Autor seine Bekannte Indra. Und diese Reise zu sich selbst kann ganz schön anstrengend sein: Was, wenn die „Stimmen“ im Kopf so laut werden, dass man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, sich nicht mehr auf die interessanten Dinge konzentrieren und die schönen Dinge wertschätzen kann? Denn wie viele Kilometer man auch zwischen die Alltagsprobleme zuhause und sich bringt: Sie nisten sich immer im Gepäck ein und kommen einfach mit. Ich habe aus diesem Grund schon Reisen abgebrochen und in der Zwischenzeit versucht zu lernen, diesen Stimmen zwar zuzuhören, sie aber auch in die Schranken zu weisen. In Begleitung zu reisen macht es diesbezüglich auf jeden Fall leichter.

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Ich besitze keine Selfie-Stange und so sind Fotos von mir selbst auf „Alleinreisen“ eher spärlich vorhanden. Dafür habe ich – nach einer vor Einsamkeit abgebrochenen Reise – mein „Allein-reise-Spirit“ wiedergefunden und komme prächtig mit mir selbst klar, wie hier in Porto.

Matthias Politycki ist ein weitgereister Weltenbummler mit tonnenweise Erfahrung und das merkt man ihm auf jeder Seite seines Buches an. Selten habe ich in einem Buch so viele Sätze unterstrichen, dir mir aus der Seele sprachen und endlich das formulierten, was ich Freunden und Bekannten stets zu vermitteln suche, wenn mich mal wieder der travel bug piekst und ich – immer wieder auch alleine – in die Welt losziehe.

Es geht ihm dabei nicht darum, Touristen zu diskreditieren und das „Reisen“ als einzige und wahre Form der Weltentdeckung zu propagieren, vielmehr erläutert er den Lesern seine Sicht auf die Dinge und Gründe, warum er lieber ohne pauschaltouristisch abgesicherte Begegnungen mit der Fremde auf Erkundungstouren geht und sich sein eigenes Bild vom Land macht. Es ist ein Buch, welches schon jetzt einen besonderen Stellenwert nicht nur in meinem Bücherregal, sondern auch in meinem „Traveller-Herzen“ hat. Wer gerne ähnlich unterwegs ist, der wird sich in diesem Buch an hunderten von Stellen bestätigt finden – und auch sonst sei diesem Buch jedem ans Herz gelegt, der gerne in andere Länder fährt!

Matthias Politycki
Schrecklich schön und weit und wild. Warum wir reisen und was wir dabei denken
Hoffmann und Campe, 2017
Hardcover, 352 Seiten, 22,.€
ISBN 978-3-455-50426-2

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