Wer war Samuel? – „Alles, was ich nicht erinnere“

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Samuel ist tot, mit dem Auto seiner Oma gegen einen Baum gefahren. War es ein Unfall oder hatte Samuel schon länger Selbstmordabsichten?

Jonas Hassen Khemiri lässt in Alles, was ich nicht erinnere, ausschließlich die Freunde des Verstorbenen zu Worte kommen. Doch kann man so einen Menschen erfassen?

Dies ist kein gewöhnlicher Roman. Lässt sich eine Person umfassend charakterisieren, wenn sie selbst dabei nicht zu Wort kommt, wenn sie keine Chance hat, das Gesagte zu korrigieren? Ein namenloser Journalist versucht es: Nach dem rätselhaften Tod von Samuel, einem lebensfreudigen jungen Mann von 27 Jahren aus Stockholm, sucht er dessen Freunde zwecks Interviews auf.

Trinkt Kaffee mit der „Pantherin“, der besten Freundin des Toten, die seit einiger Zeit im trubeligen Berlin wohnt. Besucht Vandad, den ehemaligen Mitbewohner Samuels, der im Gefängnis sitzt. Fragt Laide aus, die mit Samuel zusammen war. Und reißt alte Wunden bei der Mutter auf, die sich per Mail weiterer Fragen verweigert.

Die Fragen des Journalisten erfahren wir nie, das Bild des Verstorbenen entfaltet sich fast ausschließlich durch direkte Rede der Interviewten, nur gelegentlich sind kurze Beschreibungen der Interviewsituation oder Gedanken des Interviewers eingeschoben – was das Ganze besonders intensiv, aber auch tückisch macht: Kann man seinen Erinnerungen vertrauen? Und wem soll man glauben, wenn sich „Aussagen“ zu bestimmten Ereignissen absolut widersprechen? Und wer erzählt hier eigentlich gerade? Die eigenen Schuldgefühle an dem Ereigniss, ob berechtigt oder nicht, verschleiern die Wahrheit oft noch mehr, als dass sie sie aufdeckt.

Samuel versuchte aktiv, neue Erfahrungen zu gewinnen, war aber völlig außerstande, irgendwas zu genießen. Je mehr er davon redete, sein Erfahrungskonto zu füllen, desto leerer kam er einem vor. Er wirkte einsam.

samuelAber hat er sich deswegen umgebracht? Wollte er sich mit seinem Tod an Laide rächen, die sich kurz zuvor von ihm getrennt hatte? Welche Rolle spielt Vandad, der Tagelöhner mit Hang zu kriminellen Machenschaften? Gibt es überhaupt einen Schuldigen? In den Rückblenden hat Samuel nun etliche Persönlichkeiten. Kannte ihn eigentlich jemand wirklich?

Was genau passiert ist, bleibt bis zur letzten Seite im Dunkeln, man ahnt etwas, vielleicht auch nicht – aber war von der ersten Seite an hineingezogen in dieses Universum aus (verklärten) Erinnerungen, Anekdoten, Mutmaßungen und Schmerz. Als Leser muss man von Anfang an aufmerksam bei der Sache sein, um die verschiedenen Stimmen auseinanderzuhalten und sich sein „eigenes“ Bild von Samuel machen zu können. Jonas Hassen Khemiri führt die etlichen Erzählstränge gekonnt zusammen, bis sie einen farbenfrohen Flickenteppich ergeben, der Schein und Sein, Lug und Trug und ein Körnchen Wahrheit enthält. Eine intensive, herausfordernde und eindringliche Lektüre!

Jonas Hassem Khemiri
Alles, was ich nicht erinnere
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
DVA, 2017
Gebunden, 336 Seiten, 19,99€
ISBN: 978-3-421-04724-3

Tipp: Der Roman läuft ab November 2017 als Inszenierung im Schauspiel Köln!

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